Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie
alles, was vorher natürlich und selbstverständlich gewesen war, plötzlich fing ich an, ihn ununterbrochen zu besänftigen, ich versuchte mit allen Mitteln, ihn davon zu überzeugen, daß ich mich aus ganzem Herzen für ihn entschieden hatte, nicht weil ich keine andere Wahl hatte, und ohne daß ich es gewollt hatte, wurde das zu meiner Lebensaufgabe.
Mit zufriedenem Lächeln betrachtet er mich, als ich mich hinsetze, er gießt mir Wein ein, der runde, gläserne Mund der Flasche läßt mich erschauern, und er lacht, du hast das genossen, nicht wahr? Ich streichle seine Hand, es war wunderbar, und er sagt, ich habe noch ein paar Ideen für dich, und ich lächle, ich habe gar nicht gewußt, daß du so kreativ bist, und er sagt, was soll ich machen, einer von uns beiden muß es ja sein. Die Gräten des Fischs füllen meinen Mund, ich gebe keine Antwort, was macht es mir schon aus, wenn er mich ein bißchen provoziert, letzten Endes tut er mir einen Gefallen und beweist mir, daß der Körper mehr ist als eine langweilige Anhäufung von Gliedmaßen, deren Bewegungen zu etwas nütze sind, daß es jenseits der fleißigen, besorgten Existenz noch die Möglichkeit des Vergnügens gibt. In diesem Moment geht ein Paar an uns vorbei, das in unserem Alter zu sein scheint, gut angezogen, in ein lebhaftes Gespräch vertieft, hinter ihnen gehen ein Mädchen und ein Junge, das Mädchen etwa in Nogas Alter, der Junge klein, fast noch ein Baby. Ich folge ihnen mit neidischem Blick, warum haben wir Noga nicht mitgenommen, und warum haben wir kein kleines Kind, rund und rotznäsig wie dieser Teddybär? Udi sagt, fang jetzt nicht damit an, und ich verschlucke schweigend die dünnen Gräten, seit Nogas Unfall war er nicht bereit, mit mir über ein weiteres Kind nachzudenken, er wehrte immer ab, wenn ich darauf zu sprechen kam, doch diesmal haben seine Worte einen anderen Klang, einen versöhnlicheren, und ich hebe die Augen zum Fenster, mir scheint, daß zwei gute Hände auf dem Weg zu uns sind, die alten Hände eines Urvaters, die sich segnend über uns erheben und unsere Köpfe zueinanderziehen, und plötzlich ist es, als könnten wir alles bekommen, sogar einen süßen kleinen Jungen, herrschsüchtig und schlecht gelaunt wie der, der sich aus Versehen an unseren Tisch setzt und laut zu weinen anfängt, weil wir nicht sein Vater und seine Mutter sind.
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Wir sind nicht ein Fleisch und ein Körper, sondern zwei Körper, die getauscht haben, ich habe seinen Körper angezogen und er meinen, jeder hat auf seinen verzichtet, und es scheint, als hätten wir damit unser ganzes Leben unterminiert, seit der Zeit, als wir Kinder in Schuluniform waren. Mit ungeheurer Erleichterung befreie ich mich von mir selbst, von meinem bohrenden, ruhelosen Bewußtsein, probiere seine festen Glieder, seinen starken Willen, ich bin es, die er will, es gibt nichts Besseres, herrschen will er, es gibt nichts Leichteres, aus den Tiefen meines Körpers lächelt er mir zu, und sein Lächeln ist mütterlich und warm, meine Liebe, sagt er, und ich lege die Arme um seinen Nacken, fast ohnmächtig vor Müdigkeit, vor Alkohol, vor Liebe, ich habe das Gefühl, in einer riesigen Wiege zu schaukeln, hin und her, und das Liebesspiel wird zu einer Art Zeremonie, die aussieht wie Sexualität, aber doch anders ist, was kann es sein, eine Geburt, bei der die Geschlechtsteile eine andere Aufgabe übernehmen, in einem anderen Feuer brennen, und dieses Feuer leckt wie eine kleine Zunge am Unterleib, das Feuer eines alten, schmerzenden Bundes, eines Bundes, den wir vor vielen Jahren hätten zerschneiden müssen, es verbrennt jedes Zögern, ängstigt und tröstet, wer ihm folgt, dem wird nichts Böses geschehen.
Die Kadaver unserer Zweifel werden vor unseren Augen auf dem Laken zerlegt, ich knie in dem riesigen Bett, wie ein Baumwollfeld erstreckt es sich um mich herum, weiß und großzügig, und ich kann über das Feld rennen, winken und die Welt mit offenen Händen umarmen, ich habe keine Zweifel, der göttliche Geist war hier, wie ein Vogel ist er durch das Fenster gedrungen, um uns auf ewig zu heiligen, Udi wird an meinen Rücken gedrückt, in einem Moment ist er unter mir, im nächsten über mir, ein hungriger Junge, der sich über seine Lieblingssüßigkeit hermacht, ich drehe mich in glücklicher Schwäche, in dieser Nacht verstehe ich alles, wie angenehm ist es doch, sich von quälenden Konflikten zu befreien, ich verstehe, daß er für mich wie ein Sohn und wie ein
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