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Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie

Titel: Liebesleben/Mann und Frau/Späte Familie Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Zeruya Shalev
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Elternteil ist, daß es unmöglich ist, zu wählen, und daher auch unmöglich, sich zu befreien, das ist es, was uns verbindet und uns zu Mann und Frau macht. Eine Welle von Mitleid steigt in mir auf, während ich wieder und wieder sein Glied gebäre, in süßer Ergebenheit, als sei das meine Bestimmung, und als er schwach und weich neben mich sinkt, greife ich nach der Decke und ziehe sie über uns beide, es ist, als wäre sie voller warmer Baumwollküsse, noch nicht schlafen, flüstern sie und kitzeln mich, es ist verboten, zu schlafen, die Nacht ist voller geheimer Begierden, dies ist die Nacht aller Wünsche, bis zu deinem Tod wirst du eine solche Nacht nicht mehr erleben. Plötzlich richte ich mich auf und blicke mich um, wer flüstert hier, Udi schläft schon, wer bringt plötzlich Gift herein, in dem Moment, da er einschläft, taucht mein Bewußtsein wieder auf, um mich zu belästigen, schau ihn an, murmeln die weichen Lippen der Decke, weißt du nicht, daß man ein Kind nicht schlafen läßt, wenn es einen Schlag bekommen hat, denn vielleicht würde es nicht mehr aufwachen, im Schlaf verläßt er dich jetzt, er wird nicht zu dir zurückkommen, für immer wirst du dich nach dieser Nacht sehnen, und ich schmiege mich an ihn, verlaß mich nicht, Udi, seine Hand streichelt mich im Schlaf, verströmt Hitze wie der dünne starke Draht eines elektrischen Heizofens, das satanische Flüstern hört auf, und ich betrete die kleine Hütte des Schlafs, von der ich Noga immer erzählt habe, wenn sie nicht schlafen konnte, ich verschließe die Tür hinter mir, hier wird mich niemand stören, hier bin ich geschützt, je weiter die Nacht fortschreitet, um so mehr verändern sich heimlich die Farben in unserem Fenster, bis mich der Schrei erschreckt.
    Ich sehe nichts, schreit er, seine ausgestreckten Hände fuchteln durch die stickige Luft wie die Fäuste eines Babys, Na’ama, ich sehe nichts, und ich bin mit einem Schlag wach, der Pulsschlag dämpft die Worte, was sagt er, was soll das heißen, was er da sagt, ich habe diese Sprache vergessen, und ich habe kein Interesse, mich an sie zu erinnern, sie ist schlecht, sie ist zu schlecht für mich, und ich murmele mit geschlossenem Mund, mach dir keine Sorgen, alles ist in Ordnung, und er brüllt, was heißt da in Ordnung, vielleicht ist bei dir alles in Ordnung, aber ich sehe nichts, und ich richte mich auf und umarme ihn, beruhige dich, es geht gleich vorbei, vor lauter Schreck kommt es mir vor, als würde auch ich nichts mehr sehen, ich schließe teilnahmsvoll die Augen, was wird Noga sagen, wenn wir beide blind zurückkommen und tastend in der Wohnung ihrer Stimme folgen. Er schüttelt meine Arme ab, laß mich in Ruhe, ich brauche deine Umarmungen nicht, und ich verlasse gekränkt das Bett, mein Körper ist noch von einer dünnen Schicht Liebe bedeckt, Samen, der schnell hart wird und sich abschälen läßt, wie eine unpassende Gebärde. Durch den Vorhang flimmert mir ein klarer Frühlingsmorgen entgegen, es ist, als wäre tief in der Sonne eine Glocke verborgen, die fröhlich klingelt und uns dazu aufruft, in die Welt zu gehen und ihre Schönheiten zu genießen, aber für ihn ist das alles zu spät, plötzlich ist es wieder zu spät.
    Seine Augen rollen, sie fallen ihm fast aus den Höhlen vor Anstrengung, seine Hände tasten über das Bett, blitzschnell hat er sich die ungezielten Bewegungen der Blinden zu eigen gemacht, ich gehe zu ihm, mach dir keine Sorgen, es wird vorbeigehen, wie die Lähmung vorbeigegangen ist, die Untersuchungen haben nichts ergeben, und er zischt, ihre Untersuchungen interessieren mich nicht, sie irren sich ständig, ich bin sicher, ich habe eine Geschwulst, die immer wieder auf eine andere Stelle drückt, und ich sage, das kann nicht sein, genau das haben sie doch ausgeschlossen, vermutlich sind Verkrampfungen oder Streß daran schuld, du mußt darüber nachdenken, was dich bedrückt, er bewegt wild den Kopf von einer Seite zur anderen und brüllt dann plötzlich, du wagst es, zu fragen, was mich bedrückt, du bist es doch, die mich die ganze Zeit bedrückt, deinetwegen bin ich krank!
    Eine Welle von Übelkeit steigt in mir auf, ich renne zum Bad und beuge mich über das Waschbecken, trinke Wasser aus dem Hahn, spritze mir Wasser in mein gequältes Gesicht, das Gesicht einer Gefangenen, die jede Hoffnung auf Freilassung verloren hat, was passiert da, was passiert mit ihm, nie war er so unbeständig, ich muß ihn zu sich selbst zurückführen, mein

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