Little Brother
Jede Behörde und Regierung hatte ihre eigenen Chiffren und ihre eigenen Schlüssel. Die Nazis und die Alliierten wollten nicht, dass die jeweils Anderen wussten, wie sie ihre Nachrichten vermengten, und schon gar nicht, dass sie die Schlüssel kannten, mit denen man die Nachrichten wieder leserlich machen konnte. Klingt ja auch logisch, oder?
Falsch.
Als mir das erste Mal jemand von diesem Primfaktorierungs-Zeug erzählte, sagte ich sofort: "Was soll der Scheiß? Okay, klar ist es schwierig, diese Primfaktorierungs-Berechnungen anzustellen, oder was auch immer es genau ist. Aber es war auch mal unmöglich, auf den Mond zu fliegen oder eine Festplatte mit mehr als ein paar Kilobyte Speicherplatz zu kaufen. Irgendjemand muss einen Weg gefunden haben, die Nachrichten wieder zu entschlüsseln."
Ich stellte mir vor, wie in einem ausgehöhlten Berg lauter Mathematiker der Nationalen Sicherheitsbehörde jede E-Mail der Welt lasen und sich eins kicherten.
Und tatsächlich ist ziemlich genau das während des Zweiten Weltkriegs passiert. Deshalb ist das Leben ja auch nicht so wie in Schloss Wolfenstein, wo ich viele Tage damit verbracht hatte, Nazis zu jagen.
Das Ding ist: Chiffren lassen sich ganz schwer geheim halten. Eine Menge Mathe wird auf jede einzelne verwendet, und wenn sie weit verbreitet sind, dann muss jeder, der sie benutzt, sie ebenfalls geheim halten, und wenn jemand die Seiten wechselt, muss man eine neue Chiffrierung austüfteln.
Die Nazi-Chiffre hieß Enigma, und sie verwendeten einen kleinen mechanischen Rechner, die Enigma-Maschine, um ihre Botschaften zu ver- und entschlüsseln. Jedes U-Boot, jedes Schiff und jede Funkstation brauchte so eine Maschine, deshalb war es unvermeidlich, dass den Alliierten irgendwann eine in die Hände fiel.
Und als sie sie hatten, knackten sie sie. Diese Aufgabe lösten sie unter Führung meines größten Helden, eines Typen namens Alan Turing - praktisch der Erfinder des Computers, wie wir ihn heute kennen. Sein Pech war, dass er schwul war; deshalb zwang die dämliche britische Regierung ihn nach Kriegsende zu einer Hormontherapie, die seine Homosexualität "heilen" sollte, und daraufhin brachte er sich um.
Darryl hatte mir eine Biografie von Turing zu meinem 14. Geburtstag geschenkt - in zwanzig Schichten Papier eingewickelt und in einem recycelten Spielzeug-Batmobil versteckt, das war Darryls Art, was zu verpacken -, und seither war ich ein Turing-Junkie.
Jedenfalls hatten die Alliierten jetzt also die Enigma-Maschine, und sie konnten eine Menge Nazi-Funksprüche abfangen; aber das hätte noch kein Problem sein dürfen, denn jeder Kapitän hatte ja seinen eigenen geheimen Schlüssel. Und weil die Alliierten die Schlüssel nicht hatten, hätte die Maschine ihnen noch nichts nützen dürfen.
Aber jetzt kommt der Punkt, an dem Geheimniskrämerei der Krypto schadet: Die Enigma-Chiffre war fehlerhaft. Als Turing sie sich näher anschaute, entdeckte er, dass die Nazi-Kryptografen einen mathematischen Fehler gemacht hatten. So konnte Turing nur dadurch, eine Enigma-Maschine in die Hände zu bekommen, austüfteln, wie man jede Nazi-Botschaft knacken konnte, egal welchen Schlüssel sie verwendeten.
Deshalb verloren die Nazis den Krieg. Nicht dass ihr das falsch versteht: Das ist eine gute Nachricht. Glaubt es einem Schloss-Wolfenstein-Veteranen: Ihr würdet es nicht mögen, wenn Nazis das Land regierten.
Nach dem Krieg dachten Kryptografen lange über diese Sache nach. Das Problem war gewesen, dass Turing klüger war als der Typ, der sich Enigma ausgedacht hatte. Jedes Mal, wenn du eine Chiffre hattest, warst du anfällig dafür, dass jemand, der klüger war als du, einen Weg fand, sie zu knacken.
Und je länger sie drüber nachdachten, desto mehr wurde ihnen klar, dass sich zwar jeder ein Sicherheitssystem ausdenken kann, das er selbst nicht knacken könnte. Aber niemand kann vorher wissen, was ein klügerer Mensch damit machen könnte.
Also musst du eine Chiffre veröffentlichen, um zu wissen, ob sie funktioniert. Du musst so vielen Leuten wie möglich sagen, wie sie funktioniert, damit sie mit all ihren Mitteln darauf los gehen und ihre Sicherheit auf die Probe stellen können. Je länger sie hält, ohne dass jemand einen Schwachpunkt findet, desto sicherer bist du.
Und so siehts heute aus. Wenn du auf Nummer Sicher gehen willst, dann verwendest du keine Krypto, die sich irgendein Genie letzte Woche ausgedacht hat. Du verwendest lieber das Zeug, das schon so
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