Marco Polo der Besessene 2
Wo wir Christen einem Heiligen eine Kerze entzünden oder vielleicht eine taolèta für ihn hinterlassen würden, herrscht bei den Bho die Gepflogenheit, ihre Idole mit yak-Butter zu bestreichen, und die dicken und uralten Butterschichten rochen ranzig nach Verwesung. Ob der Pota oder die anderen Standbilder dies mochten, weiß ich nicht; ich kann nur bestätigen, daß das Ungeziefer es genoß. Selbst wenn in der Halle geräuschvoll gespeist und gesungen wurde, vernahm man das Pfeifen und Geknabbere der Mäuse und Ratten, die -neben Küchenschaben, Tausendfüßlern und weiß der Himmel was sonst noch -bei der Futterbeschaffung die Standbilder hinauf-und herunterhuschten. Und was mich am meisten anekelte: Wir Gäste samt unseren Gastgebern saßen stets auf etwas, das ich zuerst für ein etwas über dem Fußboden erhobenes Podest hielt. Mir kam dies recht schwammig und federnd vor, und so untersuchte ich es verstohlen, um festzustellen, woraus es besteht -und entdeckte, daß wir auf nichts anderem saßen denn einem Hügel zu einer dicken Masse zusammengedrückter Speisekrumen, den Resten von Jahrzehnte-, wenn nicht gar jahrhundertealten Abfällen, die zu Boden gefallen waren, während ganze Generationen von frommen Männern nachlässig bei Tisch gesessen hatten.
Wenn ihr Mund nicht kaute oder sonst beschäftigt war, sangen die frommen Männer fast ununterbrochen -gemeinsam aus Leibeskräften, und wenn sie allein sangen, nur halblaut. Ein Gesang ging etwa folgendermaßen: Lha so so, hki ho ho, was mehr oder weniger hieß: »Kommt, ihr Götter, und fort mit euch Dämonen!« Ein kürzerer ging so: Lha gyelo, »Die Götter sind siegreich«. Was man jedoch am häufigsten und praktisch ununterbrochen überall in To-Bhot hörte, war Om mani pémé hum. Anfang und Ende dieser Zeile wurden besonders in die Länge gezogen zu O-o-o-m und H-u-u-m und hat ungefähr die gleiche Bedeutung wie unser Amen. Die anderen beiden Worte bedeuten wörtlich: »Das Juwel im Lotus«, und zwar in derselben Bedeutung, die diese Ausdrücke im Vokabular der Han haben. Mit anderen Worten sangen die frommen Männer: »Amen! Das männliche Organ steckt im Inneren des weiblichen! Amen!«
Nun besitzt eine der unten in Kithai vorherrschenden Religionen diejenige, die Tao, »der Weg«, genannt wird unverhohlen eine direkte Beziehung zum Geschlechtsleben. Im Taoismus wird das männliche Wesen yang genannt und das weibliche yin, und alles andere im Universum -ob materiell, ungreifbar, geistig, was auch immer -gilt entweder als yang oder als yin, mit anderen Worten vollständig getrennt, für sich und im Gegensatz zueinanderstehend (wie Mann und Frau) oder als einander ergänzend und bedingend (auch wie Mann und Frau). So wird Aktives yang genannt und Passives yin. Hitze und Kälte, Himmel und Erde, Sonne und Mond, Helligkeit und Dunkel, Feuer und Wasser -alles ist entweder yang oder yin beziehungsweise, wie jeder erkennen kann, unauflösbar und unentwirrbar yang-yin. Auf der untersten Ebene menschlichen Verhaltens wird ein Mann, der sich mit einer Frau paart und ihr weibliches yin mittels seines männlichen yang in sich aufnimmt, in keiner Weise weibisch, sondern vielmehr erst ein vollständiger Mann, kräftiger, lebendiger, bewußter, ja, wesentlicher als zuvor. Und genauso wird auch eine Frau dadurch, daß sie sein yang mit ihrem yin umfängt, mehr zu einer Frau, als sie es vorher war. Von dieser fundamentalen Grundlage aus schwingt das Tao sich zu metaphysischen Höhen und Abstraktionen auf, bei denen ich einfach nicht mehr mitkomme.
Möglich, daß irgendein Han-Taoist, der vor vielen Jahren nach To-Bhot kam, als die Eingeborenen dort noch den Alten Pfau verehrten, die Freundlichkeit besessen hat, ihnen seine liebenswerte Religion nahezubringen. Den universellen Akt der Vereinigung von männlichem und weiblichem Organ -oder von Kleinod und Lotus, wie der Han es wohl ausgedrückt hätte oder mani und pémé, wie sie selbst gesagt haben würden können die Bho kaum mißverstanden haben. Doch solche Einfaltspinsel hätte die höhere Bedeutung von yin und yang höchstens verwirrt, und so ist das einzige, was sie vom Tao zurückbehalten haben, ihr alberner Singsang: Om mani pémé hum. Doch wie dem auch sei, nicht einmal die Bho hätten eine ganze Religion auf einem Gebet aufbauen können, dem keine höhere Bedeutung innewohnte als »Amen! Steck's in sie rein! Amen!« Da sie nun später nach und nach von Indien her den Buddhismus übernahmen, mußten sie
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