Marco Polo der Besessene 2
Beginn des Weise-Werdens zu erleben, ist verpflichtet, die Weisheit reifen zu lassen, ohne sich ablenken zu lassen. Ich habe allen anderen Interessen und Betätigungen abgeschworen. Ich unterbreche meine Meditationen nicht einmal zu den Mahlzeiten.« Er legte seine Runzeln und Saftflecken in einem Ausdruck beseligten Märtyrertums neu zusammen. »Ich lebe von nichts weiter als einer gelegentlichen Schale cha.«
»Ich habe von derlei wundersamem Verzicht gehört, Gegenwärtigkeit. Gleichwohl nehme ich an, daß Ihr die Früchte Eurer Versenkungen zu ihrer Erbauung mit Euren Unterlamas teilt.«
»Ach du liebe Güte, nein, junge Hoheit.« Seine Falten ordneten sich neu und ergaben ein erschrockenes und leicht verletztes Aussehen. »Weisheit läßt sich nicht lehren; Weisheit will erlernt sein. Wenn jemand lernen will, so ist das seine Sache. Wenn Ihr mich nun entschuldigen wollt, daß ich es sage, aber diese kurze Audienz mit Euch stellt die längste Ablenkung dar, die ich mir je in meinem Leben der Versenkung gestattet habe…«
Also verneigte ich mich und suchte einen lama mit weniger Pusteln und von weniger erhabenem Rang auf und fragte diesen, was er denn mache, wenn er nicht gerade die Gebete aus einer Trommel schleudere.
»Ich meditiere, Hoheit«, erwiderte er. »Was sonst?«
»Ihr meditiert über was, Gegenwärtigkeit?«
»Ich richte meine geistigen Kräfte auf den Groß-lama, denn dieser hat einst Lha-Ssa besucht und das Antlitz des Kian-gan kundün geschaut, von wanne n ihm große Heiligkeit zugewachsen ist.«
»Und nun hofft Ihr, daß von dieser Heiligkeit etwas auf Euch übergeht, wenn Ihr darüber meditiert?«
»Ach, du liebe Güte. Heiligkeit kann man nicht erwerben. Heiligkeit kann nur verliehen werden. Ich darf jedoch hoffen, durch Versenkung ein kleines bißchen Weisheit für mich herauszuholen.«
»Und diese Weisheit gebt Ihr dann an wen weiter? An die unter Euch stehenden lamas? An die trapas?«
»Wirklich, Hoheit! Man schaut nie nach unten, richtet sich immer nach oben aus! Wo sonst läge Weisheit? Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt…«
So verließ ich ihn und fand einen trapa, der erst vor kurzem nach einem langen Noviziat als chabi in den Mönchsstand aufgestiegen war, und fragte ihn, worüber er denn nun meditiere, solange er darauf warte, in den Priesterstand aufzusteigen.
»Nun, über die Heiligkeit der Ältesten und meine Oberen, selbstverständlich, Hoheit. Sie sind die Gefäße, welche die Weisheit aller Zeiten bergen.«
»Doch wenn sie Euch nie etwas lehren, Schätzenswerter, von woher soll Euch da Wissen zuwachsen? Ihr alle behauptet, es zu erwerben -nur, was ist die Quelle des Wissens?«
»Wissen?« erklärte er hochmütig und voller Verachtung. »Nur weltliche Wesen wie die Han kümmern sich um Wissen. Worum es uns geht, das ist Weisheit.«
Interessant, dachte ich. Eine ähnlich verächtliche Einschätzung war auch mir einst zuteil geworden - von einem Han. Trotzdem
habe ich mich weder damals noch heute dazu durchringen können zu glauben, daß Unbeweglichkeit und Erstarrung das Höchste sei, wozu die Menschheit sich aufschwingen könne. Meiner Meinung nach zeugt Ruhe nicht immer von Intelligenz und ist Schweigen auch nicht immer ein Beweis dafür, daß ein Geist arbeitet. Die meisten Pflanzen rühren sich nicht und schweigen. Meiner Meinung nach bringt auch nicht jede Versenkung tiefsinnige Gedanken. Ich habe Geier über einen vollen Bauch meditieren sehen; hinterher haben sie nichts Tiefsinnigeres getan, als das Gefressene wieder hochzuwürgen. Auch sind unverständliche und dunkle Verkündigungen meiner Meinung nach nicht immer Ausdruck einer dermaßen mystischerhabenen Weisheit, daß nur Weise sie verstehen könnten. Was die frommen Männer der Potaisten von sich gaben, war unverständlich und dunkel, doch das war das Gekläff der Hundemeute in den lamasarais auch.
Ich ging hin und suchte einen chabi auf, die niedrigste Form des Lebens in einem Pota-là, und fragte ihn, womit er denn seine Zeit hinbringe.
»Daß ich hier aufgenommen wurde, geschah nur unter der Bedingung, daß ich als Säuberungsgehilfe anfange«, sagte er. »Aber selbstverständlich verbringe ich den größten Teil der Zeit damit, über mein mantra zu meditieren.«
»Und was ist das, mein Junge?«
»Ein paar Silben aus dem Kandjur, der heiligen Schrift, die mir zur Meditation zugewiesen wurden. Sobald ich lange genug über den mantra meditiert habe -in ein paar Jahren, vielleicht und wenn ich
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