Marco Polo der Besessene 2
meinen Geist genügend habe die Flügel spannen lassen, hält man mich vielleicht für geeignet, zum Stand eines trapa aufzusteigen und dann über längere Passagen aus dem Kandjur zu meditieren.«
»Junge, ist es dir eigentlich nie in den Sinn gekommen, deine Zeit damit hinzubringen, diesen Stall hier auszumisten und über Mittel und Wege nachzudenken, ihn noch besser zu säubern?«
Er starrte mich an, als hätte ich einen Tollwutanfall. »Statt meines mantra, Hoheit? Wozu? Saubermachen ist doch die niedrigste aller Beschäftigungsformen, und wer aufsteigen will, sollte nach oben schauen und nicht nach unten.«
Ich schnaubte: »Dein Groß-lama tut nichts anderes als immerzu dahocken und über den Heiligsten aller lamas meditieren, während seine Unter-lamas nichts weiter tun, als unablässig dahocken und über ihn meditieren. Sämtliche trapas tun nichts weiter als dahocken und über die lamas meditieren. Ich möchte wetten, daß der erste, der jemals lernte sauberzumachen, dieses ganze Regime hier zum Einsturz bringen könnte. Sich zum Herrn dieses Pota-là aufschwingen, dann zum Papst des ganzen Potaismus und schließlich Wang von ganz To-Bhot werden.«
»Ihr müßt schlimm von einem tollwütigen Hund gebissen worden sein, Hoheit«, sagte er und machte ein erschrockenesGesicht. »Ich will laufen und einen unserer Ärzte holen -den Pulsfühler und den Urinriecher -, auf daß er Euch beistehe in Eurem Leid.«
Nun, soviel zu den frommen Männern. Der Einfluß des Potaismus auf die weltliche Bevölkerung von To-Bhot war ähnlich erhebend. Die Männer hatten gelernt, jede Gebetsmühle in Drehung zu versetzen, der sie begegneten, und die Frauen hatten gelernt, sich das Haar in einhundertundacht Zöpfen zu flechten; Männer wie Frauen waren gleichermaßen darauf bedacht, wenn sie an einem heiligen Gebäude vorüberkamen, dieses an der linken Seite zu tun, auf daß es stets rechterhand von ihnen lag. Warum das so sein mußte, weiß ich nicht genau, nur, daß es ein Sprichwort gab: »Hüte dich vor den Dämonen zur Linken!« Nun gab es draußen auf dem Lande sehr viele Mauern aus Stein und hohe Steinhaufen, die irgendeine mir unerfindliche religiöse Bedeutung hatten; der Weg aber teilte sich jedesmal und führte um diese Bauten dergestalt herum, daß man, aus welcher Richtung man auch kam, das Heiligtum stets rechterhand liegenlassen konnte.
Sobald abends die Dämmerung einsetzte, ließen Männer, Frauen und Kinder einer jeden Gemeinde von ihrem Tagwerk ab, sofern sie überhaupt eines verrichteten, hockten sich auf den Straßen oder auf den Dächern ihrer eigenen Häuser nieder und wurden von den lamas und trapas des Pota-là über ihnen immer und immer wieder in ihrem Abendflehen um Vergessen angeführt: Om maní pémé hum. Dies nun hätte tiefen Eindruck auf mich machen können, war es doch zumindest ein Beispiel für den Zusammenhalt der Menschen und unerschrockene Frömmigkeit -etwa im Gegensatz zu Venedig, wo die hochgestochenen Städter sich schämen würden und einen roten Kopf bekämen, würden sie sich bei irgendeiner Versammlung, die nicht gerade ein Gottesdienst war, bekreuzigen -, doch war es mir unmöglich, die Hingabe dieses Volkes an eine Religion zu beobachten, die weder ihnen noch irgend jemand sonst Gutes brachte.
Wie es hieß, bereitete diese es auf das Vergessen des Nirvana vor, machte die Menschen jedoch dermaßen phlegmatisch gleichgültig in diesem Leben und der Welt gegenüber so unempfänglich, daß ich mir einfach nicht vorstellen konnte, wieso sie jemals jenes andere Vergessen als solches erkennen sollten, falls sie es erreichten. Die meisten Religionen regen ihre Anhänger zumindest gelegentlich zu Aktivität und Unternehmungsgeist an. Selbst die verachtenswerten Hindus raffen sich gelegentlich zu irgend etwas auf, und sei es nur, um sich gegenseitig abzuschlachten. Doch die Potaisten besaßen nicht einmal genug Antrieb, um einen tollwütigen Hund zu erschlagen oder ihm auch nur auszuweichen, wenn er sie anfiel. Soweit ich erkennen konnte, hatten die Bho nur einen einzigen Ehrgeiz: einmal lange genug aus ihrer Stumpfheit und Erstarrung auszubrechen, um in das absolute und ewige Koma vorzudringen.
Man sehe sich nur noch ein Beispiel für die Apathie der Bho an. In einem Land, in dem so viele Männer sich in die Ehelosigkeit zurückgezogen hatten und wo es infolgedessen einen solchen Überschuß an Frauen gab, hätte man meinen sollen, daß die normalen Männer nun paradiesische
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