Marco Polo der Besessene 2
auszubreiten, waren die Häuser hier nicht aufeinandergetürmt, sondern standen nebeneinander und das auch nicht dicht gedrängt; außerdem schwemmte der Fluß die meisten Abfälle fort, und so war die Stadt nicht ganz so häßlich und schmutzstarrend wie Bho-Siedlungen sonst. Die Bewohner kleideten sich sogar besser als andere Bho. Auf jeden Fall waren die Angehörigen der Oberschicht an ihren granatfarbenen Gewändern und Röcken zu erkennen, die hübsch mit Ottern-, Pardel-oder Tigerfell gesäumt waren, und die hundertundacht Zöpfe der Oberschichtenfrau waren mit Kauri-Muscheln, kleinen Türkisen, ja sogar mit Korallen aus irgendeinem fernen Meer geschmückt.
»Ist es möglich, daß die Bho hier den anderen in To-Bhot überlegen sind«, fragte ich hoffnungsvoll. »Zumindest scheinen sie andere Sitten und Gebräuche zu haben. Als ich in die Stadt einritt, begingen die Leute gerade ihre Neujahrsfeier. Überall sonst beginnt das Jahr im tiefsten Winter.«
»Das ist hier auch nicht anders. Und so etwas wie überlegene Bho gibt es nicht -nirgends auf der Welt. Täuscht Euch da nicht.«
»Ich kann mich doch aber unmöglich bei den Festlichkeiten getäuscht haben, Wang. Ein Umzug -mit Drachen und Laternen und so weiter -, der wurde ganz offenkundig zu Ehren des Neuen Jahres begangen. Horcht, Ihr könnt Trommeln und Gongs doch sogar von hier aus hören.«
Wir saßen bei Trinkhörnern mit arkhi auf der Terrasse seiner provisorischen Residenz ein wenig flußaufwärts von Ba-Tang.
»Ja, ich höre sie, die armen Schafsköpfe!« Verächtlich schüttelte er den Kopf. »Es ist tatsächlich ein Neujahrsfest, das sie feiern, aber nicht, um ein richtiges neues Jahr zu begrüßen. Irgendeine Krankheit scheint in der Stadt ausgebrochen zu sein. Nichts weiter als eine Grippe, eine Darmkrankheit, unter der man hier im Sommer häufig leidet, aber macht einem Potaisten mal klar, irgend etwas, das geschieht, sei normal. Die hiesigen lamas sind in ihrer Weisheit zu dem Schluß gekommen, daß die Grippe auf das Einwirken bestimmter Dämonen zurückzuführen ist, und haben daher eine Neujahrsfeier angeordnet, damit die Dämonen glauben, sie hätten sich in der Jahreszeit geirrt, sich daher zurückziehen und die Krankheit mitnehmen würden.«
Aufseufzend sagte ich: »Ihr habt recht. Einen vernünftigen Bho findet man genausowenig wie eine weiße Krähe.«
»Aber da die lamas wütend auf mich sind, könnte es sein, daß die Feier auch dazu dienen soll, die Dämonen flußaufwärts zu scheuchen und mich damit aus diesem Pota-là zu vertreiben.«
Denn als provisorische Residenz hatte Urukuji die lamasarai der Stadt bestimmt, die gesamte Einwohnerschaft von lamas und trapas hinausgeworfen und nur die chabi-Novizen als Diener für sich und seine Höflinge behalten. Die frommen Männer, so berichtete er mir -die zum ersten Mal aus der Benommenheit ihres Lebens herausgerissen worden waren -, hatten drohend beim Fortzug die Fäuste geballt und jede Verwünschung auf ihn herabbeschworen, die Pota bewirken könne. Inzwischen hatte der Wang und sein Hof sich seit etlichen Monaten hier eingerichtet und fühlte sich recht wohl.
Mir hatte er bei meiner Ankunft eine ganze Reihe von Räumen zugewiesen, und da meine mongolischen Begleiter den Wunsch geäußert hatten, sich unseren Vorausreitern und ihren anderen Kameraden im bok des Orlok anzuschließen, hatte er mir auch ein Gefolge von chabis zugeteilt.
Ukuruji fuhr fort: »Trotzdem sollten wir froh sein für dies Neujahrsfest außer der Reihe. Denn nur an diesem Festtag säubern die Bho ihre Wohnungen, waschen sie ihre Gewänder und nehmen selbst ein Bad. So kommt es, daß die Bho von Ba-Tang zweimal in einem Jahr sauber waren.«
»Kein Wunder, daß mir die Stadt und die Bewohner als ungewöhnlich aufgefallen sind«, murmelte ich. »Nun, wie Ihr gesagt habt -seien wir dankbar. Und gestattet mir, Euch zu loben, Wang -dafür, daß Ihr vielleicht der erste Mensch wart, der diesen Menschen etwas Nützlicheres beigebracht hat als Religion. Ihr habt sie zweifellos dazu gebracht, diesen Pota-là zu etwas anderem zu machen. Ich habe in allen möglichen lamasarais im ganzen Land genächtigt, aber noch nie eine so saubere Sing-Halle gesehen. Allein so etwas zu erleben, ist eine Offenbarung.«
Ich blickte von der Terrasse in diese Halle hinein. Das war keine düstere Höhle mit Schichten stinkender yak-Butter und uralten Essensresten mehr; man hatte die Fensterläden entfernt, das Sonnenlicht schien
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