Marco Polo der Besessene 2
Jungen genauso wie die Mädchen«, sagte er. »Und zwar nicht nur die Kinder der Bho und Drok. Auch die Han, die Yi und sogar Mongolenkinder kommen damit auf die Welt. Ferenghi-Kinder nicht?«
»Nein, ich jedenfalls habe so etwas nie gesehen. Auch bei den Persern, den Armeniern, den semitischen Arabern und den Juden nicht…«
»Was Ihr nicht sagt! Wir Mongolen nennen ihn den Kitz-Fleck, weil er allmählich verblaßt und verschwindet -wie die Flecke auf dem Fell von Rehkitzen. Für gewöhnlich ist er mit zehn oder elf verschwunden. Wieder ein Unterschied zwischen euch Abendländern und uns, was? Allerdings ein belangloser, wie ich finde.«
Ein paar Tage später kehrte der Orlok Bayan an der Spitze von mehreren tausend Berittenen von einem Vorstoß zurück. Die Kolonne sah reisemüde aus, war aber im Kampf nicht sonderlich dezimiert worden; es waren nur ein paar Dutzend reiterlose Pferde zu sehen. Nachdem Bayan sich in der Pracht-yurtu in seinem bok umgekleidet hatte, kam er in Begleitung einiger seiner sardars und anderer Offiziere in den Pótala, um dem Wang seine Aufwartung und meine Bekanntschaft zu machen. Wir drei saßen um einen Tisch herum auf der Terrasse, die weniger hochgestellten Offiziere etwas abseits an einem anderen Tisch, und allen schenkten die chabis-Hörner und Schädelschalen kumis und arkhi sowie ein heimisches Bho-Getränk ein, das aus Gerste gebraut wird.
»Die Yi sind feige wieder jeder Entscheidung ausgewichen«, knurrte Bayan, als er von seinem Vorstoß berichtete. »Sich verstecken, aus dem Hinterhalt heraus schießen und weglaufen. Ich würde die verfluchten Fliehenden ja bis in die Dschungel von Champa hinein verfolgen, doch das ist genau das, worauf sie hoffen -daß ich meine Flanken ungedeckt lasse und die Nachschublinien zu lang werden. Aber von einem Reiter hatte ich ohnehin Meldung erhalten, daß eine Botschaft des Khakhan an mich hierher unterwegs sei, da habe ich die Sache gleich abgebrochen und bin zurückgekehrt. Sollen die Hunde von Yi sich einbilden, sie hätten uns zurückgeschlagen. Und ich bezwinge sie doch noch! Ich hoffe, Gesandter Polo, Ihr bringt mir guten Rat von Kubilai, wie das anzustellen ist.«
Ich übergab ihm das Sendschreiben, und alle anderen saßen wir schweigend da, während er die wächsernen Yin-Siegel erbrach, den Brief entfaltete und ihn las. Bayan war ein Mann, der die mittleren Jahre schon hinter sich hatte, kräftig und wettergegerbt, von Narben übersät und wildaussehend wie jeder andere mongolische Krieger; er besaß aber auch die furchteinflößendsten Zähne, die ich je bei einem Menschen erlebt hatte. Ich beobachtete gebannt, wie er sie beim Lesen zusammenbiß, und eine Zeitlang war ich mehr von dem Mund fasziniert als von den Worten, die er von sich gab.
Nachdem ich ihn eine Zeitlang eingehend beobachtet hatte, ging mir auf, daß die Zähne nicht ihm gehörten, das heißt, es waren nachgemachte Zähne, aus hartem Porzellan. Man hatte sie ihm -wie er mir später anvertraute -angefertigt, nachdem ein samojedischer Krieger ihm mit einer Keule die eigenen ausgeschlagen hatte. Später entdeckte ich, daß auch manch ein anderer Mongole und eine Reihe von Han künstliche Zähne trugen, die von den Ärzten der Han, die sich auf ihre Fertigung spezialisierten, kin-chi genannt wurden. Doch Bayans waren die ersten - und wohl auch schlechtesten -, die ich jemals sah; offenbar hatte ein Arzt, der ihn nicht ausstehen konnte, sie ihm angefertigt. Sie wirkten so ungeschlacht und graniten wie Meilensteine am Wegesrand und wurden von einem ausgeklügelten Gitternetz aus blitzendem Gold zusammengehalten. Bayan selbst erzählte mir später, sie täten dermaßen weh und seien so unbequem, daß er sie nur dann zwischen die Kiefern steckte, wenn er es mit irgendeinem Würdenträger zu tun habe, er essen müsse oder mit seiner Schönheit eine Frau verfü hren wolle. Zwar habe ich es ihm nicht gesagt, doch muß er jeden Würdenträger abgeschreckt haben, dem er damit Eindruck machen wollte, und jeden Diener, der ihn bei Tisch bediente und welche Wirkung das falsche Gebiß auf eine Frau ausübte, darüber wollte ich mich lieber nicht in Mutmaßungen ergehen.
»Nun, Bayan«, sagte Ukuruji eifrig, »befiehlt mein Königlicher Vater, daß ich Euch nach Yun-nan hinein folge?«
»Er sagt nicht ausdrücklich, daß Ihr das nicht tun solltet«, erwiderte Bayan diplomatisch und reichte dem Wang das Dokument, damit dieser selbst lese. Dann wandte der Orlok sich an mich:
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