Marco Polo der Besessene 2
»Nun, ich werde Kubilais Vorschlag folgen und verfügen, daß eine Proklamation verlesen werde -und zwar so laut, daß auch die Yi sie hören, aus der hervorgeht, daß sie keinen heimlichen Verbündeten mehr am Hof von Khanbalik haben. Aber erwartet man sich in Khanbalik davon, daß sie auf der Stelle die Waffen strecken? Mir will scheinen, daß es sie nur dazu bringt, um so verbissener zu kämpfen, schon aus lauter Trotz.«
Ich sagte: »Ich weiß es nicht, Orlok.«
»Und warum meint Kubilai, ich solle genau das tun, was ich bisher peinlich vermieden habe? So weit nach Yun-nan hinein vorstoßen, daß meine Flanken und meine Nachhut verwundbar sind?«
»Das weiß ich wirklich nicht, Orlok. Der Khakhan hat mich in seine Gedanken über Strategie und Taktik nicht eingeweiht.«
»Hmph. Nun, das müßt Ihr immerhin wissen, Polo. Er fügt in einer Nachschrift noch etwas hinzu -darüber, daß Ihr mir irgendwelche neuen Waffen bringt.«
»Ja, Orlok. Es handelt sich um eine Erfindung, die dazu beitragen könnte, den Krieg weiterzuführen, ohne allzu viele Krieger zu verlieren.«
»Getötet werden ist nun mal das, wozu ein Krieger da ist«, sagte er mit Entschiedenheit. »Um was für eine Erfindung handelt es sich?«
»Es geht darum, ein Pulver namens huo-yao im Kampf einzusetzen.«
Daraufhin ging er in die Luft, gleichsam als wäre er selbst dieses Pulver. »Vakh! Schon wieder das?« Er knirschte mit den künstlichen Zähnen und bellte etwas, das ich für einen gottserbärmlichen Fluch hielt. »Beim stinkenden alten Sattel des verschwitzten Gottes Tengri! Alle Jahre wieder kommt
irgendein verrückter Erfinder daher und schlägt vor, den kalten Stahl durch heißen Rauch zu ersetzen. Das hat bisher noch nie geklappt.«
»Diesmal könnte es glücken, Orlok«, sagte ich. »Es handelt sich um eine völlig neue Art von huo-yao.« Ich winkte einen wartenden chabi heran und trug ihm auf, eine der Messingkugeln aus meiner Kammer herbeizuholen.
Während wir warteten, las Ukuruji den Brief zuende und sagte: »Ich glaube, Bayan, mir ist klar, was mein Königlicher Vater mit seinem taktischen Vorschlag bezweckt. Bis jetzt ist es Euren Truppen nicht gelungen, die Yi in eine Entscheidungsschlacht zu verwickeln, weil sie sich ständig vor Euch in Luft auflösen oder vielmehr in ihren Bergen verstecken. Sollten Eure Kolonnen jedoch weit genug vorstoßen -so daß die Yi eine Möglichkeit sehen, Euch von allen Seiten zu umzingeln -, ja, dann bliebe ihnen gar nichts anderes übrig, als aus ihren Bergverstecken herauszukommen und sich an Euren Flanken und hinter der Nachhut in möglichst großer, das heißt vollständiger Stärke zu versammeln.«
Der Orlok schien von dieser Erklärung gelangweilt und verdrossen, ließ ihn jedoch aus Achtung vor dem Rang seines Gegenübers weiterreden: »Damit hättet Ihr dann zum ersten Mal sämtliche feindlichen Yi auf einem Haufen und verwundbar und so weit von ihren Verstecken entfernt, daß ihr sie in einen Nahkampf verwickeln könnt. Nun?«
»Wenn mein Wang gestattet«, sagte der Orlok. »Das stimmt zwar alles höchstwahrscheinlich. Doch mein Wang selbst hat auf den großen Fehler hingewiesen, den dieser Plan aufweist. Unser Heer wäre nämlich vollständig umzingelt. Wenn ich eine Parallele ziehen darf -ich möchte zu bedenken geben, daß man ein Feuer praktisch nicht dadurch löscht, daß man sich mit nacktem Hintern draufplumpsen läßt.«
»Hm«, machte Ukuruji. »Nun… angenommen, Ihr rücktet nur mit einem Teil Eurer Truppen vor und hieltet den Rest in Bereitschaft… um über die Yi herzufallen, sobald diese sich hinter der ersten Kolonne zusammengefunden hätten…?«
»Wang Ukuruji«, sagte der Orlok geduldig. »Die Yi mögen unstet und schwer zu fassen sein, aber dumm sind sie nicht. Sie wissen genau, wieviel Mann und wieviel Pferde ich zur Verfügung habe, und wahrscheinlich sogar, wie viele von unseren Frauen kampftauglich sind. In eine solche Falle ließen sie sich nicht hineinlocken -nur dann, wenn sie mit eigenen Augen sehen und abzählen könnten, daß ich meine gesamte Streitmacht um mich versammelt habe. Und dann -wer sitzt dann in der Falle?«
»Hm«, murmelte Ukuruji nochmals und versank in nachdenklichem Schweigen.
Der chabi kehrte zurück und brachte die Messingkugel. Ich erklärte dem Orlok sämtliche Einzelheiten, die zu ihrer Entdeckung geführt hatten, und daß Feuerwerksmeister Shi neue Möglichkeiten für militärische Verwendbarkeit und den Einsatz im Felde
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