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Marco Polo der Besessene 2

Marco Polo der Besessene 2

Titel: Marco Polo der Besessene 2 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Gary Jennings
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darin gesehen hatte. Nachdem ich das getan hatte, biß der Orlok die Zähne abermals zusammen und bedachte mich mit einem ähnlichen Blick, mit dem er zuvor auf den taktischen Rat des Wang reagiert hatte.
    »Laßt mich sehen, ob ich Euch richtig verstanden habe, Polo«, sagte er. »Ihr habt mir zwölf von diesen hübschen Kugeln mitgebracht, richtig? Jetzt berichtigt mich, wenn ich etwas in den falschen Hals bekommen habe. Nach Eurer eigenen Erfahrung könnt Ihr mir versichern, daß jede von den zwölf schließlich zwei Personen töten kann -falls diese beiden nahe genug beieinanderstehen, wenn das Ding losgeht - und sofern es sich um zwei ungepanzerte, zarte, unvorsichtige und ahnungslose Frauen handelt.«
    Ich murmelte: »Nun ja, richtig, es war zufällig so, daß die beiden, von denen ich gesprochen habe, Frauen waren, aber…«
    »Zwölf Kugeln. Eine jede imstande, zwei wehrlose Frauen umzubringen. Ich jedoch habe es in den fernen Tälern unten im Süden mit rund fünfzigtausend kräftigen Yi-Männern zu tun -Kriegern, eingehüllt in einen Panzer, von dem schon manche Klinge abprallte. Ich kann mich nicht wirklich darauf verlassen, daß sie dicht beieinanderstehen, wenn ich eine Kugel unter sie rollen lasse. Und selbst wenn sie das täten -laßt mich rechnen, fünfzigtausend weniger - hm -vierundzwanzig…bleiben, hm…«
    Ich hüstelte und räusperte mich. Dann sagte ich: »Auf dem Ritt hierher über die Pfeilerstraße kam mir der Gedanke, die Kugeln auf eine andere Weise zu verwenden, als sie bloß unter die Schar der Feinde zu schleudern. Mir wurde klar, daß die Berge hierzulande kaum zur Lawinenbildung neigen, wie das im Pai-Mir der Fall ist; außerdem sind die Bergbewohner hier keineswegs auf der Hut vor derlei Geschehnissen.«
    Diesmal knirschte er zur Abwechslung einmal nicht mit den Zähnen, sondern betrachtete mich aus verengten Augen heraus. »Ihr habt recht. Diese Berge hier sind dauerhaft und fest. Und?«
    »Klemmte man die Messingkugeln in irgendwelche engen Spalten unterhalb der Bergspitzen zu beiden Seiten des Tals fest und zündete sie alle gleichzeitig, im selben Augenblick, würden sie eine gewaltige Lawine auslösen. Diese würde von beiden Seiten ins Tal herniederrauschen, dieses vollständig ausfüllen und alles Lebendige zermahlen und unter sich begraben. Für ein Volk, das sich solange sicher in diesen Bergen gefühlt hat, ja, geradezu beschützt von ihnen, wäre das eine gewaltige, unerwartete und unentrinnbare Naturkatastrophe. Für sie müßte es sein, als ob Gott sie unter seinem Stiefel zermalmte. Selbstverständlich -Voraussetzung für all dies müßte, wie der Wang angedeutet hat, sein, daß alle Feinde in diesem einen Tal versammelt wären…«
    »Hui! Ich hab's!« rief Ukuruji aus. »Bayan, erst laßt Ihr von Ausrufern die Proklamation verlesen, wie mein königlicher Vater vorschlägt. Und als hättet Ihr damit den Auftrag, mit aller Kraft anzugreifen, laßt Ihr Eure gesamte Streitmacht in das geeignetste Tal einrücken, an dem entlang zuvor die Kugeln mit dem huo-yao angebracht worden sind. Die Yi werden denken, Ihr wäret von allen guten Geistern verlassen, doch werden sie der Versuchung nicht widerstehen, ihren Vorteil auszunutzen. Sie werden einzeln und in Gruppen aus ihren Verstecken herauskommen und sich sammeln, zuhauf kommen und sich darauf vorbereiten, uns von den Seiten und von hinten her anzugreifen.«
    »Verehrter Wang!« flötete der Orlok geradezu flehentlich. »Ich müßte ja wirklich von allen guten Geistern verlassen sein! Nicht genug damit, daß ich meine gesamte Streitmacht aus fünf tomans -ein halbes tuk -aufbiete und vom Feind einkreisen lasse. Jetzt wollt Ihr auch noch, daß ich meine fünfzigtausend Mann von einer verheerenden Lawine überrollen lasse. Was haben wir davon, wenn wir sämtliche Yi-Krieger auslöschten und ganz Yun-nan auf dem Bauche vor uns kröche, wenn wir selber keine Truppen mehr haben, es zu besetzen und zu halten?«
    »Hm«, machte Ukuruji nochmals. »Nun, unsere Truppen wären zumindest auf die Lawine gefaßt…«
    Der Orlok nahm Abstand davon, dazu auch nur eine Bemerkung zu machen. Just in diesem Augenblick trat einer der chabi-Diener aus dem Pota-là auf die Terrasse heraus. Er brachte einen Lederbeutel arkhi, um unsere Trinkhörner und Schädelschalen nachzufüllen. Bayan, Ukuruji und ich saßen da und hatten die Augen nachdenklich auf die Tischplatte gerichtet, so daß ich aus den Augenwinkeln heraus den leuchtendgranatroten

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