Marco Polo der Besessene 2
wenig essen und ein wenig schlafen. Wir müssen vor Morgengrauen wieder oben auf dem Hügel sein.«
2
Und das waren wir: der Orlok Bayan, die Offiziere seines Stabs, der Wang Ukuruji, ich, Hauptmann Toba und die verbliebenen beiden Männer seines Trupps. Die anderen trugen alle ein Schwert, einen Bogen mit Köcher und Pfeilen, und Bayan -bereit zu kämpfen und keinen Vorbeimarsch abzunehmen -hatte die Zähne herausgenommen. Da ich mich mit der großen Bannerlanze abmühen mußte, war ich bis auf meinen Dolch am Gürtel unbewaffnet. Wir lagen im Gras und verfolgten, wie die Szene vor uns allmählich sichtbar wurde. Der Morgen würde bereits beträchtlich vorgerückt sein, ehe die Sonne es schaffte, sich über die Berggipfel in die Höhe zu schieben. Doch schon jetzt erhellte sie den wolkenlosen blauen Himmel, und dieses Licht wiederum wurde mehr und mehr in die schwarze Schüssel des Tals hineingeworfen und saugte den überm Fluß stehenden Nebel auf. Zuerst war das die einzige Bewegung, die wir wahrnahmen - ein milchiges Schimmern, das über die Schwärze dahintrieb. Dann jedoch nahm das Tal Farbe und Gestalt an; blauverschleiert an den Bergrändern, dunkelgrüne Waldungen, das hellere Grün des Grases und das Gesträuch auf den Lichtungen, Silbergeglitzer des Flusses, nachdem der verhüllende Nebel sich aufgelöst hatte. Zusammen mit Formen und Farben kam auch Bewegung: es kam Leben in die Pferdeherde, die sich ein wenig um sich selbst drehte, dann hörten wir ein gelegentliches Geschnaube und Gewieher. Dann erhoben sich allmählich die Frauen von ihren Lagerstätten, gingen hin und her, entfachten die vorsorglich zugedeckten Lagerfeuer, ließen sie wieder aufflammen und setzten Wasser für den cha auf - wir hörten das ferne Klappern der Kessel -, ehe sie die Männer weckten.
Die Yi hatten das Erwachen des Lagers mittlerweile oft genug verfolgt und wußten genau, was geschah. Und genau diesen Augenblick wählten sie, um anzugreifen: den Zeitpunkt, da es gerade hell genug war, ihr Ziel genau zu erkennen, aber erst die Frauen auf waren und die Männer noch schliefen. Ich weiß nicht, welches Zeichen die Yi zum Angriff gaben; ich sah weder, daß Fahnen geschwenkt, noch hörte ich, daß Trompeten geblasen wurden. Trotzdem kam in sämtliche Yi-Krieger im selben Augenblick Leben, und sie bewegten sich mit bewundernswerter Präzision. Eben noch spähten wir Zuschauer über einen leeren Berghang hinweg auf das bok unten im Tal; es war, als sähen wir am oberen Rand eines Amphitheaters über die unbesetzten Bankreihen auf ein Bild, das auf einer fernen Bühne gestellt wurde. Und im nächsten Augenblick wurde uns der Blick versperrt, da der Hang nicht mehr leer war, als wäre in dem Amphitheater wie durch Zauberhand von einem Augenblick auf den anderen auf sämtlichen Sitzreihen ein gewaltiges Publikum erstanden. Aus dem Gras und Gesträuch unter uns reckte sich etwas Höherwachsendes -Männer im Lederkoller, ein jeder mit bereits gespanntem Bogen, den Pfeil auf die Sehne gesetzt. Das geschah dermaßen plötzlich, daß es mir vorkam, als wären manche von ihnen unmittelbar vor mir emporgewachsen. Ich bildete mir ein, das Halbdutzend der uns zunächst Stehenden riechen zu können, und ich glaube, ich war nicht der einzige unter uns, der den Drang unterdrücken mußte, nicht gleichfalls in die Höhe zu fahren. Ich riß jedoch nur die Augen weiter auf und bewegte den Kopf, um genug sehen zu können. Und was ich sah, war das plötzlich überall im Amphitheater sichtbare und bedrohliche Publikum, das zu Tausenden und Abertausenden in hufeisenförmigen, übereinander gelegenen Reihen aufstand mannsgroß in meiner Nähe, puppengroß weiter weg und ameisenklein auf den weiter entfernten Hängen - und all diese Männer pfeilstarrend und die Bogen auf jenen Mittelpunkt gerichtet, den das lebende Bild »Lager« bildete.
Alles hatte sich fast lautlos vollzogen und viel schneller, als man es erzählen kann. Das nächste, was geschah -der erste Laut, der von den Yi kam -, war kein im Heulton auf-und abgehendes Schlachtgeschrei, wie die Mongolen es ausgestoßen hätten. Der erste Laut war der unheimlich surrende, leicht zischende Ton all ihrer auf einmal abgeschossenen Pfeile -Tausender von Pfeilen, die alle zusammen eine Art von erregtem Brausen von sich gaben, wie ein Wind, der aufstöhnend das Tal herunterfegte. Dann, während dieser Laut noch abklang, wiederholte er sich plötzlich, doch abgehackt und unterbrochen diesmal wie
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