Marionetten
der Zarenzeit waren unsere Nasen verbrecherisch platt, unser Haar und unsere Haut verboten dunkel. Das ist ein ständiger Verstoß gegen die öffentliche Ordnung, mein Herr!«
»Aber Ihre Nase ist nicht platt, wenn ich das sagen darf.«
»Zu meinem Leidwesen, mein Herr.«
»Auf jeden Fall haben Sie es irgendwie bis in die Türkei geschafft, und aus der Türkei sind Sie geflohen«, sagte Brue beruhigend. »Und dann haben Sie sich bis nach Hamburg durchgeschlagen. Das war keine schlechte Leistung.«
»Es war Allahs Wille.«
»Aber ich vermute, auch Sie haben Ihren Teil dazu beigetragen.«
»Für den, der Geld hat, ist alles möglich. Das wissen Sie sicher besser als ich.«
»Aha, aber wessen Geld?« hakte Brue, der bei dem Thema Morgenluft witterte, schelmisch nach. »Wer steckte hinter dem Geld, mit dem Sie Ihre vielen genialen Fluchten bezahlt haben?«
»Ich würde sagen« – antwortete Issa nach einem längeren Gewissenskampf, als dessen Ergebnis Brue sich schon wieder auf das nächste »Allah« gefaßt machte –, »ich würde sagen, daß er höchstwahrscheinlich Anatolij heißt.«
»Anatolij?« wiederholte Brue, nachdem er dem Namen eine Weile nachgelauscht hatte und irgendwo in ferner Vergangenheit ein Echo zu hören meinte.
»Anatolij ist korrekt, mein Herr. Anatolij ist der Mann, der alles bezahlt. Ganz besonders Fluchten. Sie kennen diesen Mann, mein Herr?« unterbrach er sich. »Er ist ein Freund von Ihnen?«
»Leider nein.«
»Für Anatolij ist Geld der Sinn allen Lebens. Und auch des Todes, würde ich sagen.«
Bevor Brue dem nachgehen konnte, meldete sich Melik von seinem Posten am Fenster zu Wort.
»Sie sind immer noch da«, knurrte er auf deutsch, während er durch den Vorhangspalt lugte. »Diese beiden alten Frauen. Sie interessieren sich nicht mehr für den Schmuck. Die eine liest jetzt die Aushänge in der Apotheke, die andere steht in einem Hauseingang und telefoniert. Für Nutten sind sie zu häßlich, sogar für welche von hier.«
»Das sind nur zwei ganz normale Frauen«, entgegnete Annabel streng. Sie trat ans Fenster und schaute nach draußen, während Leyla die Hände vors Gesicht schlug und betend die Augen schloß. »Sie sehen Gespenster, Melik.«
Aber ihre Worte verfehlten ihre Wirkung auf Issa, der den Sinn von Meliks Rede sofort begriffen hatte und aufgesprungen war, die Satteltasche vor der Brust.
»Was sehen Sie?« fragte er Annabel schrill und durchbohrte sie dabei mit anklagenden Blicken. »Ist es wieder Ihr KGB?«
»Es ist niemand, Issa. Sollte es Probleme geben, passen wir schon auf Sie auf. Dafür sind wir schließlich hier.«
Und wieder schien es Brue, daß die Chorknabenstimme eine Spur zu nonchalant klang.
* * *
»Also, dieser Anatolij«, fuhr Brue zielstrebig fort, als die Ruhe einigermaßen wiederhergestellt und Leyla von Annabel in die Küche beordert worden war, um frischen Apfeltee zu brühen. »Das hört sich ja ganz so an, als ob er ein recht guter Freund von Ihnen wäre.«
»Mein Herr, wir dürfen in der Tat sagen, daß dieser Anatolij Gefangenen ein guter Freund ist, keine Frage«, stimmte Issa eilfertig zu. »Leider ist er zufälligerweise auch gut Freund mit Vergewaltigern, Mördern, Gangstern und Kreuzrittern. Anatolij hat ein weites Herz, wenn es um Freundschaften geht, muß man sagen«, fuhr er fort und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß ab, mit einem Grinsen, das sich nur als schaurig bezeichnen ließ.
»War er auch ein guter Freund von Oberst Karpow?«
»Ich würde sagen, daß Anatolij der beste Freund ist, den ein Mörder und Vergewaltiger nur haben kann. Karpow zuliebe hat er mich an den besten Moskauer Schulen untergebracht, sogar da, wo ich aus disziplinarischen Gründen abgelehnt worden war.«
»Und Ihre Flucht aus dem Gefängnis hat Anatolij auch bezahlt. Warum hat er das wohl getan, frage ich mich. War er Ihnen aus irgendeinem Grund zu Dank verpflichtet?«
»Karpow hat bezahlt.«
»Verzeihen Sie. Sie sagten doch gerade, Anatolij hat bezahlt.«
»Verzeihen Sie mir, mein Herr! Bitte verzeihen Sie dieses Mißverständnis! Sie tun recht daran, mich zu tadeln. Ich hoffe, das wird nicht in meiner Akte auftauchen«, schwadronierte er weiter, und diesmal bezog er auch Annabel in seinen Appell mit ein. »Karpow hat bezahlt. Das ist die unumstößliche Wahrheit. Das Geld stammt von den goldenen Halsketten und Armbändern der tschetschenischen Toten, so und nicht anders ist es. Aber es war Anatolij, der die Gefängnisdirektoren
Weitere Kostenlose Bücher