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Marionetten

Marionetten

Titel: Marionetten Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Carre
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macht seinen Anspruch geltend. Was dann?«
    Er merkte, daß sie ihn auf dem falschen Fuß erwischen wollte, und zögerte. »Nun, zuallererst bräuchte ich selbstredend ein Minimum an hinlänglichen Belegen.«
    »Was wäre das Minimum?«
    Brue extrapolierte. Er verschanzte sich hinter den Vorschriften, zu deren Umgehung die Lipizzaner angelegt worden waren. Heute ist heute, nicht gestern, beruhigte er sich. Ich bin ich, und ich bin sechzig, ich bin nicht Edward Amadeus in der Blüte seiner senilen Jahre.
    »Ein Identitätsnachweis, selbstredend, angefangen bei seiner Geburtsurkunde.«
    »Wo würden Sie die herbekommen?«
    »Angenommen, er wäre nicht imstande, sie selbst beizubringen, würde ich die Russische Botschaft in Berlin um Hilfe ersuchen.«
    »Und dann?«
    »Würde ich einen Nachweis für den Tod seines Vaters benötigen und einen Einblick in dessen Testament, zusammen mit einer notariellen Beglaubigung seines Anwalts, selbstredend.«
    Sie schwieg.
    »Sie können kaum von mir erwarten, daß ich mich auf ein paar zerfledderte Zeitungsausschnitte und einen dubiosen Brief verlasse.«
    Sie schwieg noch immer.
    »Das wäre das normale Procedere«, fuhr er tapfer fort, obwohl ihm vollauf bewußt war, daß das normale Procedere in diesem Fall nicht in Frage kam. »Sobald die notwendigen Belege beigebracht wären, würde ich Ihnen empfehlen, sich mit Ihrem Mandanten an ein deutsches Gericht zu wenden und eine Testamentsbestätigung oder einen Gerichtsbeschluß zu erwirken. Mein Institut unterliegt der hiesigen Bankenaufsicht. Ich bin verpflichtet, mich an die Gesetze des Landes Hamburg und der Bundesrepublik Deutschland zu halten.«
    Wieder ein zermürbendes Schweigen, während sie ihn mit ihrem unverwandten Blick musterte.
    »Das wären also die Vorschriften. Ja?« fragte sie.
    »Einige davon.«
    »Und wenn Sie ein Auge zudrücken würden? Angenommen, ein smarter russischer Manager im Tausenddollaranzug käme erster Klasse mit dem Flieger aus Moskau, um seinen Anteil abzukassieren – ›Hi, Mr. Tommy. Ich bin’s, der Filius vom alten Karpow. Ihr Dad und meiner haben so einiges weggesoffen zusammen. Wo sind meine Moneten?‹ Was würden Sie dann machen?«
    »Das gleiche wie jetzt auch«, erwiderte er, mit Nachdruck, aber ohne Überzeugung.
    * * *
    Jetzt war Annabel Richter die Geschlagene und Tommy Brue der Sieger. Die Kampfbereitschaft schwand aus ihren Zügen. Sie atmete langsam durch.
    »Na gut. Helfen Sie mir. Ich weiß nicht weiter. Sagen Sie mir, was ich machen soll.«
    »Das Übliche, denke ich doch. Sie liefern sich auf Gnade oder Ungnade den deutschen Behörden aus und normalisieren seinen Aufenthaltsstatus. Je eher, desto besser, wenn Sie mich fragen.«
    »Normalisieren, und wie? Er ist jung, jünger als ich. Angenommen, sie normalisieren seinen Status nicht? Wie viele seiner besten Jahre soll er noch aus sich herausprügeln lassen?«
    »Das ist nun einmal Ihre Welt. Zum Glück ist es nicht meine.«
    »Es ist meine und Ihre Welt«, fauchte sie, und die Röte schoß ihr ins Gesicht. »Sie möchten es nur nicht wahrhaben. Wollen Sie den Clou der Geschichte hören? Eher nicht, tippe ich mal, aber ich erzähle es Ihnen trotzdem. Sie sagen, ich soll mich mit ihm an ein Gericht wenden. Eine Testamentsbestätigung erwirken. Sobald ich das versuche, ist er mit größter Wahrscheinlichkeit ein toter Mann. Verstehen Sie? Ein toter Mann! Er ist über Schweden eingereist. Schweden, Dänemark, Hamburg. Obwohl sein Schiff Schweden eigentlich gar nicht anlaufen sollte. Pech gehabt. Die Schweden haben ihn verhaftet. Nach der Haft und dem Container war er so durch den Wind, daß sie dachten, er könnte sich nicht allein auf den Beinen halten. Aber er ist ihnen abgehauen. Das Geld hat geholfen. Wobei er sich darüber bedeckt hält. Bevor er abgehauen ist, haben die Schweden ihn photographiert und ihm die Fingerabdrücke abgenommen. Was das bedeutet, wissen Sie?«
    »Noch nicht.«
    Sie hatte sich wieder im Griff, wenn auch mit Mühe. »Ës bedeutet, daß seine Fingerabdrücke und sein Photo auf jeder Polizeiwebsite zu finden sind. Es bedeutet, daß die Deutschen in Übereinstimmung mit dem Dubliner Abkommen von 1990, das Sie zweifellos in- und auswendig kennen, keine andere Wahl haben, als ihn postwendend nach Schweden zurückzuverfrachten. Keine Rechtsmittel, kein ordentliches Gerichtsverfahren. Er ist ein entflohener Sträfling, der illegal nach Schweden eingereist ist, polizeilich gesucht in Rußland und der Türkei,

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