Mein Leben als Androidin
beruhigte mich Tad. »Du trinkst einen Schluck des lebenspendenden Wassers, und damit hat sich's. Viel wichtiger ist, daß du sobald wie möglich anfängst, die Formatierungstechniken zu studieren. Ich werde dir dabei helfen.«
Etwas versöhnlicher gestimmt, sagte ich, daß die Riten der Aquarier weniger kompliziert zu sein schienen als die der Humanisten. – »Nun, das will ich doch hoffen!« Er war pikiert, und ich mußte mich wieder einmal entschuldigen. Zu meinem Glück war er nicht nachtragend und meinte, es sei schon in Ordnung, er könne mich sehr gut verstehen. Es gäbe auch keinen Grund zur Eile. Wir konnten in Horizont zusammengegeben werden, nachdem ich die Spulen studiert und eine Zeitlang dort gelebt hatte. »Aber Tad, wie komme ich hin? Ich bin ein P9 auf der Flucht. Ich kann nicht einfach einen Jumbo besteigen wie du.«
»Natürlich kannst du. Als meine Sklavin. Wir lassen gefälschte Papiere anfertigen. So wird das immer gehandhabt. Ich gebe zu, es wird eine ungemütliche Reise, im Laderaum, mit den Hunden und Katzen, aber das ist bald vergessen, wenn wir beide erst auf dem Mars gelandet sind. Einverstanden?«
Was sollte ich sagen? Er bemerkte meinen Mangel an Begeisterung und versuchte, meine Laune zu heben, indem er unsere neue Heimat schilderte und dabei viele Details erwähnte, von denen auch Anna gesprochen hatte. Die Sache mit dem Jubilee allerdings war mir neu. Es handelte sich dabei um den zweiten Jahrestag der Gründung von Horizont, eine Art Weihnachten, Neujahr, 1. Mai und Karneval auf einmal, und dieses Fest war in vollem Gange gewesen, als er über das geheime Nachrichtennetz Annas Nachricht von meiner Ankunft in Armstrong erhalten hatte. Um die Fähre zum Orbiterhafen und den Raumer zum Mond noch rechtzeitig zu erreichen, hatte er den Höhepunkt des Tages verpaßt, die allgemeine Target Reality Image Projection (TRIP), die im Amphitheater abgehalten wurde, um die Rückkehr des Chefs zu imaginieren. Bis jetzt hatte Er verabsäumt, Seine Anwesenheit kundzutun, doch das vermochte ihre Hingabe und Überzeugung nicht zu erschüttern, daß Er sich in Bälde offenbaren werde, denn es war unvermeidlich, daß die prophezeite Generation, die die Sterne erobern sollte (die Semis), jetzt, da Horizont verwirklicht war, on line kam. Dieser Logik zufolge und in Anerkennung ihrer Bemühungen, Sein Format zu realisieren, würde der Chef in Seinem Großmut sie durch Seine Rückkehr belohnen.
Ich hatte meine Zweifel, behielt sie aber für mich. Statt dessen erwähnte ich beiläufig, daß meine Tochter (oder Enkelin, je nachdem) am Tag der Jahresfeier geboren worden war. »Oh!« sagte er und blieb stehen, um über die Synchronität der Ereignisse nachzudenken. Von unserem Platz aus konnten wir Anna auf einer Bank in der Nähe des Obelisken sitzen sehen. Wir winkten, und sie winkte mit der freien Hand zurück, während sie im anderen Arm das Baby hielt. (Es schien ihr nichts auszumachen, daß aus den zwei Stunden drei geworden waren.) Wir gingen weiter, und Tad fing an, sich ernsthaft mit der Suche nach einem Namen zu beschäftigen. (Es freute ihn, daß ich seine Ankunft abgewartet hatte, um mich mit ihm zu beraten.) Auf dem Weg vom Waldrand zum Obelisken machte er ein halbes Dutzend Vorschläge, die mir allesamt nicht zusagten. Schließlich bot ich ihm an, daß ich jetzt einige Namen nennen wollte, und er sich dazu äußerte. (Wirklich, seine Einfälle waren so unmöglich, daß ich mich genierte, konstruierte Geschmacklosigkeiten wie Mandalina, das ach so beliebte Harmonie und das unverzeihliche Chefina, ein Alptraum, den ich mir nachdrücklichst verbat.) »Warum nicht Jubilee?« fragte ich und nahm die Kleine auf den Arm. Tad war sofort einverstanden. Dann lud Anna uns zum Essen ein und rechtfertigte die extravagante Ausgabe von der Gemeinschaft gehörendem Mel damit, daß ein Konnex wie unserer einfach gefeiert werden mußte. Sie kannte ein preiswertes, aber gutes thailändisches Restaurant an der Peripherie des Kasinoviertels. Wir nahmen ein Lufttaxi, und Anna machte uns eigens darauf aufmerksam, daß es von einem Modex-Daltoni gesteuert wurde. Das also war der Grund für das gleichgültige Benehmen des Piloten und seinen laxen Fahrstil, zwei Dinge, die ich nie zuvor bei einer Taxi-Einheit bemerkt hatte. »Aber ist er immer noch zufrieden damit, den Gebietern zu dienen?« fragte ich Anna mit gedämpfter Stimme, und sie erwiderte in gleicher Weise: »Der neue Standard erlaubt nur eben genug Spielraum
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