Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis
gigantischen Vermögen die Duma und die regionalen legislativen Versammlungen zu kaufen, die Verfassung zu ändern und Russland von einer präsidialen in eine präsidial-parlamentarische Republik zu transformieren, an deren Spitze sich selbstredend der Ideologe dieser Verschwörung, Michail Chodorkowski, stellen würde. Dieses Papier berührte sämtliche empfindlichen Punkte bei Putin: sein durch seinen Werdegang geprägtes Misstrauen, sein nachtragendes Wesen, seinen Neid und seine Unsicherheit, um nicht zu sagen: Feigheit.
Die Autoren dieses Berichts hatten den Zeitpunkt für die Veröffentlichung optimal gewählt: gerade einmal zwei Wochen nach der offiziellen Ankündigung der Fusion von Yukos und Sibneft, in deren Folge das neue Unternehmen zum Spitzenreiter auf dem russischen Energiemarkt avancieren würde. Hinzu kam, dass gleichzeitig Verhandlungen über eine Fusion des nun zusammengeschlossenen Konzerns mit Chevron liefen, die vorsah, dass YukosSibneft 30 Prozent (das größte Paket) an der fusionierten Gesellschaft behalten sollte. Das hätte dem Unternehmen bei den Erdölreserven den ersten und bei der Förderung den zweiten Platz im Weltmaßstab garantiert und damit einen Sprung unter die fünf Größten der Welt in puncto Börsenwert ermöglicht. Und im Dezember standen Parlamentswahlen und die Konstitution einer neuen Staatsduma an, von der, wie der Bericht behauptete, der reichste Mann im Land seine eigene Vorstellung hatte.
Angesichts all dieser realen und fiktiven Umstände wurde die Figur Chodorkowskis scheinbar zu einer großen, einer sehr großen Gefahr für den noch nicht gefestigten Präsidenten. Chodorkowski war nur allzu klar, wie sehr er seine Gegner mit dieser Reise verärgern konnte. Er war jedoch, sagen seine Kollegen, der Auffassung, dass das politische Pendel im Herbst 2003 schon zu weit in Richtung der Hardliner im Umfeld des Präsidenten ausgeschlagen hatte (des Stellvertretenden Leiters der Präsidialadministration, Igor Setschin, und des Petersburger Teams) – zu Lasten des liberalen Flügels, den Chodorkowski mit dem Leiter der Präsidialadministration, Alexander Woloschin, assoziierte. Vielleicht hoffte er ja ganz naiv, den Lauf der Geschichte ändern zu können. Oder er hoffte, nicht minder naiv, auf Woloschin. Hoffnung hatte er in jedem Fall, denn noch kurz vor seiner Verhaftung sagte er mir, ein Signal für eine reale Gefahr wäre das Ausscheiden Alexander Woloschins aus der Präsidialadministration. »Wenn das passiert, dann ist wirklich alles vorbei.« Woloschin trat eine Woche nach Chodorkowskis Verhaftung zurück, das Signalsystem hatte also versagt oder vielmehr in der falschen Richtung funktioniert – ob zufällig oder nicht.
Wassili Schachnowski sagte mir, er habe noch versucht, Chodorkowski von dieser Reise abzubringen. Aber Chodorkowski lasse sich eben nicht so einfach von etwas abbringen …
Michail Chodorkowski: »Sich wegducken, Intrigen spinnen, sich in die Büsche schlagen – das mag ja richtig sein, aber ich kann und will so nicht leben. In den ersten Jahren unter Putin sah es für mich so aus, als wäre er zwar anders als Jelzin, aber dennoch zu offenen Diskussionen bereit und aufgeschlossen für andere Meinungen. Deshalb war ich ehrlich bemüht zu helfen, auch nachdem ich mich unverhohlen auf die Seite der Nicht-Hardliner gestellt hatte.
Platons Verhaftung zeigte jedoch, dass Putin und ich verschiedenen Welten angehören. Wahrscheinlich hätte ich mir das früher bewusst machen müssen, doch das konnte ich nicht, solange das Thema mich innerlich nichts anging. Was blieb jetzt zu tun? Man erklärte mir, Platon sei eine Geisel. Und er würde nicht die einzige bleiben. Sollte ich also ausreisen? Und von woanders mein Land beschimpfen? Das ist meine Sache nicht. Dann also vorwärts, in die politische Opposition. Ganz offen. In der äußerst vagen Hoffnung, dass die Gegenreaktion nicht zu scharf ausfallen würde.
Ob ich mit Kollegen gesprochen, mich mit ihnen beraten habe? Natürlich. Ich habe meinen Leuten die Risiken vor Augen geführt, ihnen empfohlen zu gehen. Mit meinen politischen Verbündeten habe ich die Probleme besprochen, die möglicherweise auf sie zukamen. Niemand hat erklärt, ich würde ihn in Gefahr bringen, niemand wusste einen anderen, gangbaren Weg.
Alles Weitere war eine Frage meiner eigenen Überzeugungen.«
Nach der Verhaftung sagten viele, Yukos sei so groß geworden, dass Chodorkowski das Gefühl für die Realität verloren und sich
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