Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis
durch Zivilbeamte rechnen. Aber nichts dergleichen. Niemals, weder vor noch während noch nach der Verhaftung hat es bei Chodorkowski zu Hause auch nur eine einzige Durchsuchung gegeben, bis heute nicht. Es entsteht der Eindruck, als sei der Beschluss zu seiner Verhaftung in letzter Minute getroffen worden, irgendwie spontan, ja impulsiv. Chodorkowski vergaß bei der Verhaftung seine Aktentasche im Flugzeug, er bat später seinen Anwalt, sie abzuholen. Okay, wenn man schon so eine Aktion inszeniert, bei der ein Sonderkommando des FSB durchs halbe Land reist, eine Jagd auf einen gefährlichen Schwerverbrecher, dann nimmt man doch wenigstens dessen Aktentasche mit, möchte man meinen. Es könnten schließlich wichtige Beweise für seine Schuld darin liegen, in dieser Aktentasche. Und weitere solche Beweise könnten sich auch bei ihm zu Hause finden. Theoretisch. Irgendwelche Aufzeichnungen oder Dokumente …
Allein die Tatsache, dass Chodorkowski bei seiner Abreise zu Hause alles so ließ wie es war, deutet eher darauf hin, dass er eine Verhaftung nicht wirklich für möglich hielt. Er selbst behauptet allerdings etwas anderes.
Michail Chodorkowski: »Ich hatte kaum Zweifel, dass eine Verhaftung tatsächlich möglich war, allerdings waren meine Vorstellungen von der Justiz naiv. Mit meiner Erfahrung aus Hunderten von Schiedsgerichtsverfahren glaubte ich, das Ausmaß der ›Biegsamkeit‹ der Richter unter dem Einfluss des ›Telefonrechts‹ zu kennen. Natürlich, alles, was sich zugunsten des ›Dienstherren‹ auslegen lässt, wird auch so ausgelegt, aber offene Rechtsbeugung? So etwas hatte ich bei den Schiedsgerichten bis dahin nicht erlebt. Deshalb hielt ich für das wahrscheinlichste Szenario, dass man mich durch endlose Ermittlungen im Gefängnis festhalten würde.
Wir gingen von zwei Jahren aus, sogar fünf. Auf einen zweiten Fall Gussinski machten wir uns keine Hoffnungen. Daran hatte sich die Staatsmacht doch zu sehr die Finger verbrannt. Ein Team, das mich ersetzen sollte, war aufgestellt worden und hatte die Einarbeitung schon hinter sich (Stephen Teede und Bruce Misamore).
Dass man uns Yukos wegnehmen würde, hielten wir durchaus für möglich, aber die Zerschlagung des Unternehmens konnten wir nicht vorhersehen, weil sie weder in den rechtlichen Rahmen noch in die übliche Logik eines pragmatisch denkenden Verfechters eines starken Staates passte.
Doch zum Glück waren wir gewohnt, uns abzusichern. Die auf meine Verhaftung folgenden Schritte des Managements waren präzise und der Situation angemessen, umso mehr, als es eine entsprechende internationale Praxis gibt. Die russischen Behörden griffen auf ein Modell zurück, das für Länder der Dritten Welt ziemlich typisch ist. Die Reaktion der westlichen Länder war ebenfalls vorhersehbar. Nur ein einziges Mal musste sich das Management entscheiden, und zwar nach der Sperrung aller Konten (Anfang 2004): nämlich ob die Produktion eingestellt oder ob weitergearbeitet werden sollte. Entschieden wurde damals, das Personal des Unternehmens, das sich seinen ›Monostädten‹ verbunden fühlte, nicht in die Konfrontation hineinzuziehen.«
Bald nach der Verhaftung Platon Lebedews interviewte ich Boris Beresowski, der sich bereits in London niedergelassen hatte. Er sagte voraus, dass Chodorkowski ein ähnliches Schicksal erwartete, also das eines politischen Emigranten (hier irrte er sich), und dass man ihm sein Unternehmen wegnehmen würde (hier lag er richtig). Nach diesem Interview hatte ich ein Treffen mit Chodorkowski. Er war so erbost, dass er beinahe flüsterte. Ich glaube, jeder einzelne Satz in diesem Interview machte ihn wütend. Mir fiel wieder ein, was seine Kollegen erzählt hatten: Der Chef spricht immer leise, wenn er sich ärgert.
»Sie glauben doch nicht etwa, dass ich denen das Unternehmen überlasse?
»Nein, das glaube ich nicht. Aber ich glaube, man wird es Ihnen wegnehmen, ohne Sie um Erlaubnis zu fragen.«
Heute redet Chodorkowski anders.
Michail Chodorkowski: »Dass man mir das Unternehmen wegnehmen könnte, hielt ich schon seit jener Sitzung im Februar für möglich, auf der ich im Namen des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes zur Korruption gesprochen hatte.«
Vielleicht dachte er auch damals, während unseres Treffens in der Yukos-Zentrale, schon so, aber er sprach es nicht aus. Er überlegte einen Moment und sagte: »Sie haben mir mal einen Rat gegeben: Vertrauen Sie Putin nicht.«
Tatsächlich hatte ich nach
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