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Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Titel: Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Michail Chodorkowski
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einem mehrstündigen Interview mit Putin im Februar 2000 auf irgendeiner Abendveranstaltung oder bei einem Jubiläum Chodorkowski und Newslin getroffen, und sie hatten mich nach meinem Eindruck von Putin gefragt. Ich hatte vor allem gesagt, dass ich das, was er sagt, niemals für bare Münze nehmen würde. Putin war ein Profi darin, den Gesprächspartner für sich einzunehmen, sich auf das einzustellen, was dieser hören wollte, damit man ihm vorbehaltlos vertraute.
    Chodorkowski fuhr fort: »Ich habe Ihre Worte immer in Erinnerung behalten. Nur einmal habe ich nicht daran gedacht. Wissen Sie, warum? Weil es der Präsident des Landes war, der da mit mir sprach. Und ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Präsident des Landes einfach lügt. Jetzt muss ich dafür bezahlen.«
    In diesem Moment kamen Leute ins Zimmer, und so konnte ich ihn nicht mehr fragen, wann genau er Putin vertraut hatte. Die Antwort auf diese Frage erfuhr ich erst viel später.
    Wassili Schachnowski, Gesellschafter der Menatep-Gruppe: » Das war Chodorkowskis letzte persönliche Begegnung mit Putin. In den letzten Apriltagen 2003, am 29. oder 30., das genaue Datum weiß ich nicht mehr. Ich kann nur das wiedergeben, was mir Mischa gleich nach dem Treffen erzählt hat.
    Sie hatten sich auf Putins Datscha in Nowo-Ogarjowo getroffen. Das Treffen hatte Roman Abramowitsch organisiert, der aber selbst nicht anwesend war. Die Fusion von Yukos mit Sibneft lief weiter. Putin wusste natürlich Bescheid. Ich bekomme vielleicht nicht mehr alle Einzelheiten zusammen. Aber wie ich es in Erinnerung habe, sprachen sie anfangs zu dritt. Putin, Schwidler und Chodorkowski – die Chefs von Sibneft und Yukos. Es ging um den bevorstehenden Deal des fusionierten Unternehmens YukosSibneft mit Chevron. Die Verhandlungen mit Chevron gingen sehr gut voran. Es wurden bereits konkrete Details besprochen. Geschäfte von solcher Tragweite sind ja bekanntlich ohne Abstimmung mit dem Kreml nicht möglich. Putin gefiel die Idee scheinbar, zumindest verbal stellte er sich hinter Yukos: ›Legen Sie los. Die Sache ist zwar nicht so einfach, über Sie wird ja Verschiedenes berichtet. Aber ich werde Sie unterstützen und Ihnen, falls nötig, auch Rückendeckung geben.‹
    Danach blieben Chodorkowski und Putin allein zurück. Und Putin sagte: ›Stellen Sie die Finanzierung der Kommunisten ein.‹ Ich war damals einigermaßen überrascht, als ich das erfuhr, da man uns genau diese Förderung nach einer Mitteilung von Wladislaw Surkow erst ein paar Monate zuvor genehmigt hatte. Wir hatten die Frage also mit dem Kreml abgestimmt. Aber vielleicht hat Surkow das auch nur mir so gesagt, ohne es mit Putin abzusprechen. Ich glaube nicht, dass Putin wie ein Vorgesetzter mit seinem Untergebenen geredet hat, aber Mischa fasste seine Worte als unmissverständliche Forderung auf.«
    Nach der Begegnung war Chodorkowski ruhig, mit dem Gespräch war er eher zufrieden. Die Forderung des Präsidenten hat er übrigens erfüllt. Er stellte die Finanzierung des Wahlkampfs der Kommunisten ein, unterstützte aber weiter die liberalen Parteien: Jabloko, SPS , 22 und, ja, auch die wichtigste Partei der Macht: Einiges Russland. Das sind die Paradoxe der russischen Politik. Die Finanzierung der Partei der Macht ist wesentlicher Bestandteil der sogenannten »Nichtbeteiligung« der Wirtschaft an der Politik.
    Putin sah Chodorkowski also in die Augen und sagte: Machen Sie nur, Ihre Pläne finde ich gut. Aber entgegen seinem Versprechen gab Putin keine »Rückendeckung«, als Platon Lebedew abgeholt wurde. Und auch nicht, als sie Chodorkowski holten. Später wurde klar, dass die Ausforschung von Yukos durch die Geheimdienste schon zum Zeitpunkt der letzten Begegnung zwischen dem Unternehmer und dem Präsidenten auf Hochtouren lief. Eine Sondergruppe war gegründet worden, die schon seit Ende 2002 ihre Maulwurfsarbeit gegen Yukos verrichtete. Die Gruppe unterstand Juri Saostrowzew, dem damaligen stellvertretenden Direktor des FSB und Leiter der Abteilung für Wirtschaftssicherheit. Saostrowzew hatte sich schon beim Vorgehen gegen zwei weitere Oligarchen hervorgetan: Gussinski und Beresowski. Ersteren betrachtete der russische Präsident als seinen Feind, Letzteren als Freund, der die Freundschaft verraten hatte. Hinter Putins »Angriffen« steht immer ein verdecktes oder offensichtliches persönliches Motiv. Im Falle Chodorkowskis kamen zu diesem Motiv noch die Bestrebungen der Freunde des Präsidenten, die

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