Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Titel: Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Michail Chodorkowski
Vom Netzwerk:
augenscheinlich richtig Appetit bekommen hatten. Ich urteile anhand der Ergebnisse: Das wichtigste Asset von Yukos erhielt das Staatsunternehmen Rosneft, dessen Direktorium eben jener Igor Setschin vorsaß. Sie wollten Yukos haben, und dafür musste erst der Präsident überzeugt werden, Chodorkowski »aus dem Weg zu räumen«.
    Michail Chodorkowski: »Ich vermute, dass es zumindest für Putin in dieser Geschichte ursprünglich um Chodorkowski ging. Wann in seinem Umfeld die Idee mit Yukos aufgekommen ist, weiß ich nicht. Ich nehme an, eher ›vorher‹ als ›nachher‹. Und wann es ihnen gelungen ist, diese Idee Putin einzureden? Eher ›nachher‹ als ›vorher‹, sonst hätte Abramowitsch den Kopf nicht in die potenzielle Schlinge gesteckt. Schließlich war es für ihn nicht ohne Risiko, sich so weit vorzuwagen. Aber Intrigen sind nicht mein Spezialgebiet. Ich kann mich auch irren.
    An möglichen persönlichen Motiven Putins wurden sehr viele benannt. Welches davon eine ›Herzenssaite‹ bei ihm angeschlagen hat? Ich weiß es nicht. Igor Iwanowitsch Setschin ist ein kluger Mann, er hat den richtigen Aufhänger gefunden oder sich einen ausgedacht. Wer weiß das schon so genau?«
    Hatte Putin Chodorkowski angelogen, als er seine Pläne guthieß? Vielleicht. Vielleicht hatte er zu diesem Zeitpunkt aber auch noch keine endgültige Entscheidung getroffen. Der Deal mit Chevron konnte dem Präsidenten ebensogut gefallen wie missfallen. Man hätte ihn als Sprung eines russischen Unternehmens nach vorn, auf die internationale Ebene begreifen können, was auch Russland zugutegekommen wäre. Aber ebenso konnte man das Thema auf das alte Muster reduzieren: Der Westen hat es auf unsere strategischen Rohstoffe abgesehen, Chodorkowski ist zu pro-amerikanisch, Yukos entzieht sich russischem Einfluss … Es war dieser pseudopatriotische oder etatistische Ansatz, wie er in Russland üblicherweise genannt wird, der in der Folge die Oberhand in der russischen Außen- und Wirtschaftspolitik gewann.
    Der ehemalige Chef von Putins Administration, Alexander Woloschin, hat mir versichert, der geplante Deal mit Chevron sei bei Putin eher auf Beifall gestoßen, da damit ein russisches Unternehmen zum größten Aktionär eines führenden westlichen Ölkonzerns avancieren sollte. Roman Abramowitsch dagegen sagte mir in einem Gespräch, dieser Deal sei angesichts von Putins Charakter und Ansichten ein verhängnisvoller Fehler Chodorkowskis gewesen. Aus dem Mund von Chodorkowskis einstigem Partner für die geplante große Fusion klang das etwas überraschend.
    Die damaligen geschäftlichen Pläne von Yukos waren grandios. Zwei Fusionen nacheinander, Projekte in Ostsibirien, dieser an Rohstoffreserven so überaus reichen und nach wie vor noch nicht genügend erschlossenen Region, die Pipeline nach China … Die Fusion mit Chevron, zu der praktisch nur noch ein Schritt fehlte, hätte Yukos und seine Inhaber im eigenen Land natürlich weitaus weniger angreifbar gemacht. Denen, die den »Fall Yukos« planten, war das vermutlich auch klar.
    Michail Chodorkowski: »Außer der ›Pipeline‹ und Ostsibirien standen auf der Tagesordnung auch eine Leitung nach Murmansk 23 für Lieferungen in die USA (als ›Ausgleich‹ für die chinesische Route), eine Pilotanlage für das GtL-Verfahren (die Verarbeitung von Gas zu Dieselkraftstoff und die nachfolgende Einspeisung in die Rohrleitung, gerade diese Technologie hofften wir von Chevron zu erhalten), die Gründung eines Forschungszentrums in Moskau für die Optimierung und Einführung einer Reihe ganz neuer Entwicklungen, darunter auch Brennstoffzellen.
    Das Projekt mit Chevron hätte Abramowitsch und mir die Kontrolle über eine der weltweit größten Erdölgesellschaften gebracht, die über solideste Technologien für die Off-Shore-Förderung von Öl und im Bereich GtL verfügt hätte. Das hätte ein strategischer Durchbruch in der Energiewirtschaft sein können. Im Jahr 2006 hat Chevron bedeutende Vorkommen im Golf von Mexiko entdeckt, jetzt gibt es Fortschritte beim Ölschiefer. Die Amerikaner hätten Liefergarantien erhalten, und Russland einen direkten Zugang nicht nur zum amerikanischen Absatzmarkt, sondern zu überaus wichtigen Technologien und Ressourcen in mehreren Regionen.
    Es steht außer Zweifel, dass nach einer Fusion mit einem westlichen Konzern eine Geschichte wie die jetzige nicht mehr möglich gewesen wäre, was aber nicht bedeutet, dass es nicht auch andere, ebenso effektive Methoden

Weitere Kostenlose Bücher