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Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Titel: Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Michail Chodorkowski
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gegeben hätte. Zumindest, solange man bereit war, wirtschaftliche Verluste dieser Größenordnung für das Land in Kauf zu nehmen.
    Ich bezweifle, dass die Staatsmacht die Fusion von Yukos und Sibneft fürchtete. Diesen Deal hätte man ja auf bürokratischem Weg ohne weiteres stoppen können. Schließlich brauchten wir die Genehmigung des Kartellausschusses, das Einverständnis des Rohstoffministeriums und vieles mehr.
    Noch einfacher war es, das Geschäft mit den ausländischen Partnern zu untersagen. Putin hat die Idee wohl eher gefallen, aber wie jeder Autokrat war er extrem anfällig für Manipulationen durch sein engstes Umfeld. Was man ihm gesagt hat, ist allgemein bekannt: angefangen vom ›Öldiebstahl‹ über das ›Blut an den Händen‹ bis hin zum ›Ausverkauf des Nuklearpotenzials an die Amerikaner‹. Was davon er geglaubt hat, vermag ich nicht zu sagen. Eine objektive Tatsache ist aber, dass Putin meine Verhaftung und die Vernichtung von Yukos für eine lohnende Maßnahme hielt, um das politische Feld mit einem Schlag von sämtlichen unabhängig finanzierten Kräften zu ›bereinigen‹.
    Nicht mit dem Kreml abgestimmte Zahlungen von Sponsoren gab es ab sofort nicht mehr. Für die aktuellen Machthaber war dieser Schritt objektiv nützlich, strategisch aber war er unverantwortlich. Das Ergebnis war ein sprunghafter Anstieg der Korruption, Fehlentscheidungen und ein Rückgang der unternehmerischen Aktivität.«
    Dass Putins Unmut in Bezug auf Chodorkowski bereits im September, also einen Monat vor der Verhaftung und auch noch vor Chodorkowskis Reise durch das Land, ein Stadium erreicht hatte, in dem er daraus keinen besonderen Hehl mehr machte, belegt indirekt ein erst kürzlich veröffentlichtes Buch von John Browne, dem ehemaligen Chef des russisch-britischen Unternehmens TNK-BP. Browne zitiert darin aus seinem Gespräch mit Putin, das just zu dieser Zeit stattfand und in dem Putin über Chodorkowski gesagt habe: »I have eaten more dirt than I need to from that man«. Laut Browne meinte er damit, dass der Unternehmer Chodorkowski begonnen hatte, sich in die Politik einzumischen – das aber war in Putins Augen »unverzeihlich«.
    Eine Stunde lang ging Chodorkowski zusammen mit seinem Anwalt Anton Drel im Korridor der Staatsanwaltschaft auf und ab. Es war seine letzte Stunde in Freiheit. Er hat sie nicht genutzt. Sie warteten darauf, dass die Anklage vorgelegt würde. Drel hatte ein Telefon bei sich. Chodorkowski rief niemanden an. Er bat Drel, später seine Mutter anzurufen und ihr auszurichten, sie möge zu seiner Frau und den Kindern fahren und eine Zeit lang bei ihnen wohnen. Vermutlich konnte er sich damals nicht vorstellen, dass auf die Festnahme Jahre in Haft folgen würden, ganz gleich, was er heute darüber sagt. Vielleicht ein Jahr, aber nicht Jahre. Das konnte sich eigentlich keiner der Unternehmer vorstellen, mit denen ich über dieses Thema sprach. Dann wurde die unglaublich dicke Anklageschrift gebracht. Eine ebenso dicke hatte man seinerzeit auch für Platon Lebedew angeschleppt. In diesem Moment wusste Drel, dass Chodorkowski hinter Gitter kommen würde, und zwar für lange Zeit. Die Anklage wurde nicht vom Chefermittler Salawat Karimow persönlich übergeben. Wie sich herausstellte, ließ er derlei lieber von seinen Untergebenen erledigen.
    Michail Chodorkowski: »In der Staatsanwaltschaft wurde ich auf die übliche ungesetzliche Weise zunächst als Zeuge vernommen, dann hieß es, ich sollte noch etwas warten, und zwei Stunden später wurde die Anklage vorgelegt. Nun wurde ich schon als Beschuldigter vernommen. Es ging alles ganz fix. Gericht – Haftbefehl – Gefängnis Matrosskaja Tischina.
    Aus der Generalstaatsanwaltschaft hätte man mich sicher nicht weggehen lassen, obwohl ich ihnen natürlich hätte Ärger machen können. Telefonieren? Mit wem denn? Es war ja klar: Putin hatte das abgesegnet. Sollte ich andere Leute in Gefahr bringen? Oder hätte ich mich an die Presse wenden sollen? Die Nachrichtenagenturen hatte mein Anwalt ohnehin gleich unterrichtet.
    Die Ermittler waren Salawat Karimow und Michail Besugly, die anderen habe ich mir nicht gemerkt. Dass sie eindeutige Befehle hatten, daran bestand nicht der geringste Zweifel. Wissen Sie, wie sich Karimow selber beschreibt? Als ›ehrlichen Soldaten‹ (mit den Privilegien eines Generals). Wenn es einen Befehl gibt, denkt er nicht weiter nach. Das ist sein Vorzug in den Augen der Obrigkeit, und es ist auch ein großer

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