Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis
es mir nicht sonderlich leid darum. Während der Schulzeit hatte ich keine Zeit zu vertrödeln: Lernen, Sport, die Spezialschule für Chemie. Während meines Studiums kannte ich das Studentenleben nur von den Baubrigaden, 25 sonst gab es für mich nur Prüfungen, Arbeit, »gesellschaftliche Verpflichtungen«. Feten im Wohnheim habe ich nur sehr selten mitgemacht, vielleicht drei bis fünf Mal in all den Jahren. Museen, Ausstellungen, Theater – all das ging an mir vorbei. Später habe ich das nachzuholen versucht, aber nie geschafft. Gelesen habe ich allerdings immer und viel.
Wir waren nicht besonders wohlhabend, Geld war deshalb immer ein Thema. Und je älter ich wurde, desto mehr. Sobald sich die erste Gelegenheit bot, etwas zu verdienen, griff ich zu. Den ersten Versuch machte ich mit 14, mit 15 oder 16 arbeitete ich schon regelmäßig. Zuerst verdiente ich mir in den Ferien in einer Bäckerei etwas dazu. Dann verschaffte mir mein Vater eine Anstellung als Hausmeister, dann kamen die Baubrigaden, die Arbeit in den Betrieben während der Praktika und in den Ferien.
Meine Philosophie war simpel: Wenn man Geld und Zeit hat, muss man beides verschwenden. Wenn man nur Zeit, aber kein Geld hat, muss man etwas verdienen. Das eine wie das andere ist spannend.
Trotz alledem kam es mir nie in den Sinn, mich als Spekulant zu versuchen. Damals wurde importierte Technik und Musik weiterverkauft, die Leute von Dienstreisen aus dem Ausland mitgebracht hatten. Es gab einen Schwarzmarkt. Ich hatte viele Bekannte – vom Sport, aus Schule und Studium. Ich bin schließlich ein kommunikativer Typ, mit breit gefächerten technischen Interessen. Heute denke ich: Eigentlich komisch, ich hätte nur den Gedanken zulassen müssen, mich als Spekulant zu betätigen, und das Leben hätte eine ganz andere Wendung genommen. So viel ist sicher. Ich hätte angefangen, viel zu verdienen, ich hätte beschlossen, dass die Hochschule nichts bringt, sondern reine Formsache ist. Ich hätte angefangen, Beziehungen »zu den Organen« aufzubauen. Dann hätte ich es bereut, aber es wäre zu spät gewesen.
Um »Ideologien« scherte ich mich nicht
Ich glaubte an die Partei, ohne mich für »Ideologien« zu interessieren und mich besonders darum zu kümmern. Das wundert Sie vielleicht, aber Sie sind ein Mensch aus einer anderen Welt.
Ich weiß selbst nicht, wie ich Ihnen das erklären soll. Reden Sie etwa oft mit Ihren Freunden über die Vorzüge eines bestimmten Betriebssystems? Dabei ist genau das für viele eine Schlüsselfrage ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen: Sehen Sie etwa nicht, wie sehr Microsoft die Sache mit Vista vermasselt hat? Sind Sie etwa noch nie schweißgebadet aus einem Alptraum aufgewacht, in dem sich alle Ihre Treiber aufgehängt haben?!! Und haben Sie noch nie Lust verspürt, die Apple-Anhänger kaltzumachen? Wenigstens moralisch? Nein?
Und doch nimmt Microsoft in Ihrem Leben mehr Raum ein, als die KPdSU in meinem eingenommen hat. Bis 1984, 1985 hatte ich mich auf eine sehr begrenzte Anzahl von Fragen zu konzentrieren. Alle übrigen Fragen waren auf »Hintergrund-Modus« geschaltet. Der Mensch schließt sich seiner »Gruppe« an. Eltern, Freunde, Lehrer – das, was sie sagen, wird als Tatsache hingenommen, ohne es zu hinterfragen.
Vista braucht jedenfalls drei bis fünf Minuten zum Starten. Ist das viel oder wenig? Es braucht 20 GB Speicher. Ist das viel? Breshnew nuschelt vor sich hin, während er irgendwem den fünften Orden anheftet. Das ist lächerlich. Aber vielleicht ist das ja überall so? Mir ist das eigentlich ganz egal. Ich sehe schließlich den Zusammenhang zu den leeren Regalen im Geschäft nicht. Ich weiß nicht einmal, dass sie auch voll sein können. Bis ich 27 Jahre war, habe ich das nicht verstanden! Ich konnte aus den Einzelheiten nicht auf das große Ganze schließen. Ich dachte nicht besonders viel nach. Es gab »die unseren« und »die anderen«, schwarz und weiß. Keine Zwischentöne. Obwohl ich sehr wohl verstand, dass auch unter den »unseren« viele Idioten und Mistkerle waren. Aber sie gehörten zu uns. Mit ihnen würden wir selber fertig werden.
Hätte ich damals schon viel erreichen können? Und ob! Wenn man sich beispielsweise die meisten der damaligen Dissidenten und sogar Bürgerrechtler unvoreingenommen betrachtete, gaben sie kein überzeugendes Bild ab. Wenn man nicht anhand eigener Reflexionen und Informationsquellen zu verstehen versuchte, was sie redeten, taten und durchsetzen wollten,
Weitere Kostenlose Bücher