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Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis

Titel: Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Michail Chodorkowski
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habe ich prozessiert und gewonnen, aber wenn jemand irgendetwas »Allgemeines« brummelt, schweige ich. Ich erzähle, wie es wirklich war. Aber ob irgendjemand die Wahrheit hören will? Ich habe es ein paar Mal versucht, aber die Leute glauben mir nicht, und ich erkenne keinen Sinn darin, sie zu überzeugen.
    Eigentlich fing alles gar nicht mit dem NTTM -Zentrum an. Im Komsomolausschuss war ich für die Mitgliedsbeiträge verantwortlich. Meine zukünftige zweite Frau besorgte die Buchhaltung, sie hatte also ebenfalls mit den Mitgliedsbeiträgen zu tun. Jeden Monat mussten von 5000 Personen insgesamt 500 bis 700 Rubel eingesammelt werden. Zu dieser Zeit etwa fing die Perestroika an. Die Disziplin ließ nach. Jeden Monat gab es Fehlbeträge von 100 bis 200 Rubel – und Ärger in der Stadtbezirksleitung. Sollte ich herumlaufen und betteln: »Wollt ihr nicht bitte zahlen«? Bei meinem Charakter? Sie verstehen …
    Also musste Geld aufgetrieben und für die Nachzügler eingezahlt werden. Nur wo? Damals war gerade die Verordnung »Über Jugendcafés und Freizeitzentren« erlassen worden. Das war sogar noch vor dem Gesetz über die Kooperativen. Mein erstes »Business« war denn auch ein Jugendcafé. Es war nicht sonderlich erfolgreich, aber besser als nichts.
    Dadurch wurde die Stadtleitung des Komsomol auf mich aufmerksam, ich wurde gebeten, bei der Einrichtung eines städtischen Jugendzentrums mitzuhelfen. Wenn das klappte, wollten sie mich zum Direktor machen. Ich stellte mit meinen Kumpels zusammen etwas auf die Beine, in der Ordynka-Straße. Dann sollte ich zur offiziellen Ernennung bei der Stadtleitung erscheinen. Im Empfangszimmer kam ein junger Mann auf mich zu, den ich über Bekannte aus der Hochschule kannte und der dort die Studentenabteilung leitete. Er sagte mir: Du wirst doch nicht Direktor, sondern nur Stellvertretender Direktor. Ich drehte mich auf dem Absatz um und ging. So ist eben mein Charakter. Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute ihre Verpflichtungen nicht erfüllen.
    Einige Monate später ruft mich derselbe junge Mann an und sagt mir, ich solle Sekretär der Komsomol-Leitung im Stadtbezirk Frunsenski werden. Und ob ich nicht ein NTTM -Zentrum dort aufbauen wolle? Das war reiner Zufall.
    Ohne Zweifel kam damals schon ein gewisses Gefühl von Freiheit auf. Zu anderen Zeiten wäre ich nach so einem Auftritt einfach nirgends mehr untergekommen. Aber von politischen Veränderungen war noch überhaupt nichts zu spüren. Die wichtigste Informationsquelle war das Fernsehen, und das war durch und durch servil. Jelzin kam gelegentlich in das Parteibüro bei uns im Bezirk. Damals bin ich ihm zum ersten Mal begegnet. »Scharfe Worte« bekam bei dieser Gelegenheit keiner von ihm zu hören. In der Stadtbezirksparteileitung spielte er nach den Regeln.
    Überhaupt gingen all diese erhabenen politischen Themen an mir und meinen Kollegen vorüber. Weder im Komsomol-Ausschuss am Institut noch in der Frunsenski-Stadtbezirksleitung wurde darüber diskutiert. Ich war Techniker, und zu tun hatte ich genug. Wir nutzten die Möglichkeiten, die uns direkt angingen (wie die NTTM -Verordnung), aber wir zogen keine allgemeinen Schlüsse. Das berühmte Lied von Wiktor Zoi, Wir wollen Veränderungen , wurde erst später zu »meinem« – um 1990, 1991 etwa.
    Ich nahm also die Gründung des NTTM in Angriff. Mein »Chef« an der Hochschule, seines Zeichens Sekretär der Parteileitung, hatte bemerkt, dass ich ständig in der Frunsenski-Stadtbezirksleitung war. Wir gehörten aber zum Swerdlowski-Bezirk. Er nahm mich beiseite und sagte, entscheide dich – entweder du bist Sekretär des Komsomolausschusses, oder du kümmerst dich um deinen »kommerziellen Schnickschnack«. Nach dem Motto »Augen zu und durch« sagte ich mit zitternder Stimme: Ich nehme den »kommerziellen Schnickschnack«. Er sah mich an wie einen Volltrottel, sagte aber nichts. Einige Monate später wechselte ich ganz zum NTTM .
    Das war im Oktober 1987. Ich bekam einen Raum und meine Papiere wurden gestempelt. Es war ja noch Planwirtschaft! Wie eröffnete man ein Bankkonto? Wie ließ man sich einen eigenen Stempel anfertigen? Wie mietete man Räume? Wie kaufte man Geräte? Und Möbel? Entweder mit Schmiergeld, oder man brauchte ein Papier von der Stadtbezirksleitung. Schmieren konnte ich nicht, das habe ich bis heute nicht gelernt. Zu dumm!
    Mein Büro lag in einem Gebäude an der Gottwald-Straße. Meine Mitarbeiter waren meine spätere zweite Frau und ihre

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