Mein Weg - Ein politisches Bekenntnis
Treffen im schicken israelischen Badeort Herzlia – leichtes Hemd, Shorts, Sportschuhe – kaum an den überaus wohlhabenden Israeli denken lässt, der er nach seiner Ausreise aus Russland im Jahre 2003 geworden ist.
Leonid Newslin: »Mischa stand auf. Er gab mir die Hand. Blickkontakt vermied er, er wandte die Augen ab und ließ nicht zu, dass unsere Blicke sich trafen. Mir war klar, dass er mich taxierte. Ich war etwas älter als er und hatte einige Erfahrung – er machte auf mich den Eindruck eines Menschen, der sich mit Kommunikation schwertut. Er war sehr höflich. In seinen beruflichen Beziehungen war Chodorkowski stets bemüht, beim ›Sie‹ zu bleiben, außer, wenn er jemanden schon sehr lange kannte. Und Frauen gegenüber war er erst recht immer sehr höflich, er hat praktisch alles als Bitte formuliert, nicht als Befehl – in sanfter Form, und trotzdem kam es an wie ein Befehl. Das konnte er. Er wurde nicht laut, er wies niemanden öffentlich zurecht, vor dem Kollektiv oder vor wem auch immer. Allerdings konnte er, als er mehr Erfahrung gesammelt hatte und schon ein großer Chef war, wenn es einen Grund dafür gab, jemanden ohne laut zu werden so vor Publikum heruntermachen, dass der Betroffene in eine Schockstarre verfiel. Das hat wohl mit seinem Führungsstil zu tun, und mit Selbstkontrolle. Ich glaube, er analysiert die ganze Zeit, nicht nur seine Mitmenschen, sondern auch sich selbst.
Er strahlte etwas Solides, Zielstrebiges aus. Das war sehr deutlich bei ihm! Er war immer anders. Er wirkte auf Anhieb sehr solide, wie jemand, der fest auf beiden Beinen steht.«
Kindheit
Michail Chodorkowski ist derselbe Jahrgang wie Johnny Depp. Ich weiß nicht warum, aber diese Tatsache verblüfft mich immer wieder. Vielleicht, weil der heutige Häftling der Zahl der Leben nach, die er schon gelebt hat, deutlich älter scheint als der großartige Schauspieler. Chodorkowski ist zwei Jahre älter als der russische Präsident Dmitri Medwedew und elf Jahre jünger als Premierminister Wladimir Putin.
Geboren wurde er 1963, in dem Jahr, als John F. Kennedy ermordet wurde, Fellini seinen Film Achteinhalb , Jean-Luc Godard Die Verachtung , Hitchcock Die Vögel und Stanley Kramer Eine total, total verrückte Welt drehten.
Russland hat in diesem Jahr gelacht, bis zum Rücktritt Chruschtschows blieb noch ein Jahr. Die besten Filme waren unbeschwerte Komödien: Drei plus zwei und Zwischenlandung in Moskau (mit Nikita Michalkow in seiner ersten Rolle); die wundervolle satirische Komödie Herzlich willkommen oder Unbefugten Eintritt verboten , die weder mit Chruschtschow noch mit dem sozialistischen Lager zimperlich umging, wurde gerade abgedreht.
Der spätere reichste Mann Russlands wurde geboren während der chruschtschowschen Tauwetterperiode, er wuchs auf während der breshnewschen Stagnation, verdiente sein erstes großes Geld während der gorbatschowschen Perestroika, wurde in der Ära Jelzin zum Millionär und in der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts zum Milliardär. Im selben Jahrzehnt verlor er auch seine Freiheit, sein Unternehmen, sein Geschäft.
Als Kind wohnte er wie Millionen anderer sowjetischer Kinder in einer »Kommunalwohnung«, einer Gemeinschaftswohnung für mehrere Familien, jede in ihrem eigenen Zimmer, mit einer gemeinsamen Küche, einer Badewanne und einer Toilette für alle. In meiner Kommunalwohnung gab es sechs oder sieben Zimmer, und die Nachbarn waren wunderbar. Ich hatte Glück. Ich war fünf Jahre alt, als meine Eltern und ich in eine eigene Wohnung zogen. Chodorkowski war sieben, die Familie zog 1970 in eine Zweizimmerwohnung, als Mischa in die zweite Klasse kam.
Die Kommunalwohnung der Chodorkowskis war klein. Nebenan wohnte die Familie eines senilen alten Bolschewiken. Der Sohn trank, und die Tochter war eine halbseidene Person mit einer ihrem Lebenswandel entsprechenden ansteckenden Krankheit, um die sie selbst sich bemerkenswert wenig scherte. Ihr Herr Papa zeigte auf seine alten Tage einen Hang zu extravaganten Kapriolen. So konnte es etwa passieren, dass er ohne Hose im Flur auftauchte, was der jungen Marina Chodorkowskaja, Michails Mutter, ziemliche Angst machte. Ihrem Mann Boris, der oft den ganzen Tag in der Fabrik arbeitete und nebenbei noch studierte, erzählte sie nichts davon, weil sie fürchtete, er würde den Nachbarn einfach »vermöbeln«. Dafür hatte sie ein Abkommen mit dem Abschnittsbevollmächtigten von der Miliz, und wenn der alte Bolschewik wieder mal zu
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