Menschen und Maechte
gerade eine Krebsoperation hinter sich und fühlte sich noch schwach; eigentlich brauchte sie Ruhe. Aber in der Öffentlichkeit spielte sie ihre Rolle großartig, und die Menschen applaudierten ihr überall herzlich.
Unsere Gäste schienen sich wohl zu fühlen: Alles zusammen entsprach dem Bild von Deutschland, welches die deutschen Einwanderer Ende des neunzehnten Jahrhunderts nach Amerika mitgebracht hatten; es war das Deutschlandbild, das unsere amerikanischen Gäste – trotz Hitler und Auschwitz – bewahrt hatten. Natürlich hätten auch das Hofbräuhaus, die Nibelungen, Sauerkraut oder »Alt-Heidelberg« dazu gepaßt. Und als ich ein Jahr später anläßlich der 200-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten Jerry Ford zu einem Empfang an Bord unseres Schulschiffes »Gorch Fock« einlud, da paßte auch dieses über die Toppen geflaggte Segelschiff in das romantische Deutschlandbild vieler Amerikaner.
Allerdings: Weder Ford noch Kissinger waren so naiv, die offenkundige Zuneigung der deutschen Gastgeber oder die weinselige Rheinfahrt für eine ausreichende Kennzeichnung dessen zu halten, was die Bundesrepublik, ihre Probleme, ihre Ängste und ihre Hoffnungen ausmachte. Beide waren Realisten; der Präsident dank der Erfahrung einer langen politischen Laufbahn als Kongreßabgeordneter, in der er sich alle zwei Jahre um seine Wiederwahl hatte bemühen, das heißt: die Sorgen anderer Leute hatte ernst und wichtig nehmen müssen. Und der amerikanische Außenminister,
gestern noch Professor in Harvard, wußte über die jüngste deutsche Geschichte mehr als viele deutsche Teilnehmer der nächtlichen Rheinfahrt.
Beiden war klar, daß die andauernde Teilung der Nation für die Deutschen ein gravierendes Problem sein mußte; sie wußten, daß die Teilung nicht nur sichtbare, sondern auch innere Wunden verursacht hatte. Und sie kannten die Hoffnungen auf deren Heilung. Ford war in diesen Dingen weder kaltschnäuzig – er sagte nicht: »Damit müßt ihr Deutschen euch eben abfinden« –, noch weckte er illusionistische Erwartungen. Das »Time«-Magazin schrieb nach dieser Reise: »Kein Land Europas ist mit Ford zufriedener als die Bundesrepublik Deutschland. Kanzler Schmidt … findet Ford wohlvorbereitet, gut informiert und zugleich ernsthaft … Was die Deutschen an Ford höher schätzen als alles andere, ist das Gefühl der Stabilität und Gelassenheit, das ihnen die Ford-Regierung vermittelt.« Dies traf in allen Punkten zu.
Wenige Tage nach Fords Deutschlandbesuch sahen wir uns in Helsinki wieder. Zwei Dinge sprangen während der finnischen Tage ins Auge: die Selbstverständlichkeit, mit der die USA als europäische Macht auftraten und akzeptiert wurden, und die zurückgenommene natürliche Würde Gerald Fords. Wichtiger noch war die relative Leichtigkeit, mit der in Helsinki zwischen Ford, Giscard d’Estaing, Wilson und mir die Verabredung zu einem Weltwirtschaftstreffen der Regierungschefs der großen industriellen Demokratien getroffen wurde. Der Gedanke war ursprünglich in einem Gespräch zwischen Giscard und mir entstanden; wir dachten an eine Art Fortsetzung der alten Library Group auf höherer Ebene. Aber Washington hatte zunächst gezögert; denn sein Verhältnis zu Paris war seit de Gaulles Zeiten von Vorsicht, zeitweilig auch von leichtem Mißtrauen gekennzeichnet gewesen. In Bonn hatten Ford und ich ein gemeinsames Konzept erarbeitet, und inzwischen hatte sich auch ein gutes persönliches Verhältnis zwischen Ford und Giscard entwickelt. So beschlossen wir an einem schönen Sommernachmittag an einem Gartentisch in Helsinki die erste Gipfelkonferenz; damit sie nicht in die Hände der Bürokraten fiele, kamen wir überein, sie durch persönliche Beauftragte vorbereiten
zu lassen. Wir waren uns auch rasch über die Notwendigkeit der Teilnahme Japans einig – was mir sehr wünschenswert erschien, damit Deutschland nicht als einziges besiegtes Land am Tische sitzen würde. Als Gerald Ford Anfang August 1975 Europa wieder verließ, hatte er viele Freunde unter den Regierenden des alten Kontinents gewonnen. Er konnte mit ihnen zufrieden sein, und sie waren es mit ihm.
Wenige Monate später erwies sich auf dem ersten der sogenannten Weltwirtschaftsgipfel in Rambouillet – inzwischen war auch Italien eingeladen worden –, daß Ford urteilskräftig war, sowohl was die volkswirtschaftliche Lage seines Landes als auch die Weltwirtschaft betraf. Er hatte einigen Erfolg bei der Bekämpfung der Inflation vorzuweisen;
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