Menschen und Maechte
war.
Aus der Rückschau der achtziger Jahre kann ich Nixons Verhalten in der Watergate- und Tonbänderaffäre noch immer nicht verstehen, dafür um so mehr die Reaktion des amerikanischen Publikums und des Senats. Andererseits hält Nixons außen- und verteidigungspolitische Konzeption dem Vergleich mit derjenigen seines Vorgängers und seiner Nachfolger sehr gut stand. Mehr noch: Richard Nixons Öffnung gegenüber China, der von ihm erstrebte und – wenn auch nicht ohne Umwege und Zeitverlust – schließlich erreichte Rückzug der USA aus Vietnam, seine Gleichgewichtsstrategie gegenüber der Sowjetunion, herausragend gekennzeichnet durch den ABM-Vertrag und das SALT-I-Abkommen, sein Verständnis für die Interessen der europäischen Verbündeten, seine weltpolitische Urteilskraft und Handlungsfähigkeit insgesamt zeichnen Nixon vor Johnson, Carter und Reagan deutlich aus.
Natürlich spielten seine Berater und Minister in der außenpolitischen Praxis eine Rolle, vor allen anderen Henry Kissinger. Man tut Nixon aber unrecht, wenn man ihn gewissermaßen als Vollzugsorgan der Konzepte Kissingers interpretieren zu dürfen glaubt. Im Falle der Öffnung der bis dahin geradezu bornierten, seit zwanzig Jahren festgeschriebenen amerikanischen Chinapolitik ist offensichtlich, daß Nixon sie geplant hatte, bevor er Kissinger, der ihm durch Nelson Rockefeller zugeführt wurde, in seinen Stab aufnahm.
Die Mitglieder der Nuclear Planning Group der NATO während ihrer Tagung am 11. und 12. November 1969 in Warrenton, Virginia.
Links neben Schmidt der Generalsekretär des Nord-atlantischen Bündnisses, Manlio Brosio, und US-Verteidigungsminister Melvin Laird; Schmidt gegenüber der britische Verteidigungsminister Denis Healey.
Zwölf Jahre nach Nixons Rücktritt, 1986, bin ich mit ihm zu einem persönlichen Meinungsaustausch zusammengetroffen. Wir trafen uns in seinem Büro, das in einem New Yorker Hochhaus untergebracht und mit vielen Erinnerungsphotos dekoriert ist. Der äußere Anlaß war ein Fernsehgespräch; Nixon vertrat loyal die Positionen Präsident Reagans, verstand es aber zugleich, seine eigene, abweichende Meinung hervorzuheben. Er wirkte persönlich sicherer, als ich erwartet hatte, geradezu souverän gegenüber der Vergangenheit; sein Überblick über die gegenwärtige Weltlage war stupend, auch in wichtigen Details, was im privaten Gespräch noch deutlicher zum Ausdruck kam als vor laufenden Kameras. Ich war beeindruckt und fühlte mich in meinem Urteil bestätigt, daß der westlichen Welt in Richard M. Nixon – durch dessen eigenes Versagen – ein bedeutender Stratege verlorengegangen ist.
Mein unmittelbarer Gesprächspartner in Washington war während der ersten Nixon-Jahre Melvin Laird. Wir hatten von Anfang an ein herzliches Verhältnis zueinander; es hat bis auf den heutigen Tag gehalten. Mel war damals natürlich vor allem durch den Vietnamkrieg in Anspruch genommen. Er hatte unter anderem die Aufgabe, die »Vietnamisierung« des Krieges zu betreiben, die Nixon sich Anfang 1970 zum Ziel setzte, um die amerikanischen Truppen schrittweise aus Vietnam herauslösen zu können. Auf Grund seiner langen Zugehörigkeit zum Kongreß war Laird ein erfahrener Politiker, der unter dem seit 1968 in der Jugend Amerikas schnell wachsenden Widerstand gegen diesen Krieg litt und der sein Land von dieser Bürde befreien wollte.
Den schrittweisen amerikanischen Truppenabzug aus Vietnam verfolgte ich mit innerer Anteilnahme und geradezu mit Spannung. Aber die Verkündung des Verzichts auf die allgemeine Wehrpflicht im Herbst 1972 machte mir Sorgen. Laird erklärte mir, angesichts des Truppenabbaus brauchten die USA nicht mehr so viele Soldaten und für andere Aufgaben könne er sie nicht einsetzen. Mir schien das Hauptmotiv jedoch die Beruhigung der öffentlichen Meinung in den USA zu sein. Ich fürchtete, in der deutschen Öffentlichkeit – und in meiner eigenen Partei – könnten sich Stimmen erheben, die forderten, wir sollten dem Vorbild der Bündnisvormacht folgen, die Bundeswehr auf die Basis von freiwilligen Berufssoldaten stellen und ebenfalls die Wehrpflicht abschaffen. Es gab bereits Ideen über eine kurzzeitige »Miliz«-Dienstpflicht.
Abb 3 Wachablösung auf der Hardthöhe: Im Oktober 1969 übernahm die sozial-liberale Koalition die Regierung in Bonn; Helmut Schmidt wurde Nachfolger Gerhard Schröders im Amt des Verteidigungsministers; Vorgänger und Nachfolger hatten stets ein kollegiales Verhältnis
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