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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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Connally auf eine großzügige Vernachlässigung der Gefahren festlegen lassen, die mit der fortschreitenden Dollarabwertung verbunden waren. Sie entschloß sich weder zur Korrektur ihrer inflatorisch wirkenden Haushalts-und Geldpolitik noch zur Intervention auf den Devisenmärkten, zu der sie auf Grund ihrer immensen Goldbestände befähigt gewesen wäre; die USA hätten sich auch fremde Währungen ausborgen können. Da aber die anderen wichtigen Währungen (vor allem diejenigen Europas und Japans) mit Rücksicht auf die eigenen Exporte nicht alle paar Monate ad libitum aufgewertet werden durften und weder Paris noch Bonn, weder London noch Tokio bereit waren, durch ständige massive Dollarankäufe – also durch Interventionen mit eigener Währung zugunsten der Aufrechterhaltung der Dollarparität – ihre eigene Volkswirtschaft zu inflationieren, mußten sich die Teilnehmer der »Library Group« im März 1973 unvermeidlicherweise auf die Freigabe der Wechselkurse, auf das sogenannte »floating« einigen. Unmittelbar anschließend sank der Dollar auf DM 2,83; zu Beginn des Sommers 1973 stand er dann bei nur noch DM 2,58.
    Zu Hause in Bonn wurde dies alles als großer Prestigegewinn gefeiert, und ich mußte mich der wohlmeinenden Glückwünsche von Laien erwehren. Tatsächlich hatten Valéry Giscard d’Estaing und ich große Sorgen hinsichtlich der weiteren Konsequenzen des floating. Uns war klar, daß mit dem Wegfall des Systems fester Wechselkurse die Weltwirtschaft in ein völlig neues Klima, in eine neue Ära eintreten würde. Wir hatten lange Verzögerungsgefechte geführt. Wir versuchten auch, wenigstens die wichtigsten europäischen Währungen beisammenzuhalten und schufen dafür später das Europäische Währungssystem (EWS). Aber die ein halbes Jahr später beginnende erste Ölpreisexplosion und deren katastrophale Folgen für die Weltwirtschaft, an denen die Dollarschwemme ursächlich beteiligt war, haben auch wir nicht vorausgesehen.
    Ich hatte schon in den sechziger Jahren von meinem Freunde Alex Möller, dem ersten Finanzminister Willy Brandts, den Lehrsatz gelernt: Währungspolitik ist (auch) Außenpolitik. Auch aus
außenpolitischen Gründen hatten die europäischen Verbündeten die Währung ihres wichtigsten Bündnispartners gestützt, solange es ökonomisch irgendwie verantwortbar war. Aber die Führungsmacht wollte jene Einschränkungen der eigenen geld- und haushaltspolitischen Handlungsfreiheit, die mit geregelten, zuverlässigen Wechselkursparitäten nun einmal zwangsläufig verbunden sind und ja auch sein sollen, nicht länger in Kauf nehmen. Die USA gaben die währungspolitische Führung preis – und damit praktisch einen Teil ihrer De-facto-Führung des Westens. George Shultz hat bei alledem als ein loyaler Diener der Politik seines Präsidenten gehandelt. Möglicherweise hat er vorübergehend auch mit der damals in den USA vielfach vertretenen These geliebäugelt, wonach der internationale Preis einer Währung sich am besten nach dem Markt, das heißt nach Angebot und Nachfrage auf dem täglichen Devisenmarkt richtet.
    Während der Krise kam es natürlich zu Auseinandersetzungen mit den USA – insbesondere auch zwischen Shultz und Giscard; schließlich stand im Bewußtsein aller beteiligten Finanzminister nicht nur die Zuverlässigkeit der Währungspolitik der jeweiligen Regierung, sondern auch das Prestige des eigenen Landes auf dem Spiel. Zu meiner Verblüffung sah ich mich 1973 einmal in der Lage, einen lautstarken Streit zwischen Giscard und Shultz mit energischen Worten schlichten zu müssen.
    Eine der wenigen Annehmlichkeiten im Berufsleben eines Finanzministers sind die alljährlichen Tagungen von Weltbank und Weltwährungsfonds, die abwechselnd einmal in Washington, einmal in einem der anderen Mitgliedsstaaten stattfinden. Im September 1973 traf sich die Library Group anläßlich einer solchen Jahrestagung in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Die unberührten Landschaften Ostafrikas zähle ich zu den schönsten der ganzen Welt; sie reichen von Ozeanstränden über Savannen und Wälder bis hin zu schneebedeckten Gipfeln. Mehrere Naturparks bieten dem Europäer hinreißende Panoramen und Tausende wilder Vögel und Säugetiere. Karl Klasen, sein Bundesbankkollege Irmler, Loki, meine Tochter Susanne und ich benutzten die Gelegenheit zu einem Flug zum Ngorongoro-Krater und in die Serengeti. Es war
ein begeisterndes Abenteuer: Löwen, Geparde, Büffel, Nashörner, Elefanten, Gnus und

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