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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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vervierfachten sich innerhalb der wenigen Monate vom September 1973 bis zum April 1974.
    Nun zeigten sich schnell die Pferdefüße der Wechselkursfreigabe. Zum einen waren die Regierungen von der Verantwortung befreit, die Wechselkurse ihrer Währungen irgendwelchen offiziell festgesetzten Paritäten entsprechen zu lassen; viele Regierungen nutzten diese Freiheit für eine insgesamt stärker inflatorische und sogar inflationistische Geld- und Haushaltspolitik.
    Der Hang zur Inflation breitete sich aus, weil immer mehr Regierungen zu starken Haushaltsdefiziten bereit waren und weil die jeweiligen Zentralbanken durch eine Expansion der Geldpolitik für ausreichende Finanzierbarkeit der Haushaltsdefizite sorgten. Einige Regierungen, zum Beispiel die englische, stellten sich sogar ausdrücklich auf diesen Standpunkt, weil der höhere Ölpreis den Volkswirtschaften Kaufkraft entziehe; deshalb müsse die Geldmenge kompensatorisch ausgeweitet werden.
    In den Zahlungsbilanzen der ölimportierenden Länder entstanden hohe Defizite, denen schnell wachsende Überschüsse bei den meisten OPEC-Staaten gegenüberstanden. Da diese Überschüsse sogleich zinsbringend in westlichen Geschäftsbanken angelegt wurden, kamen die Banken in die Rolle des »recycling of petrol-dollars«. Das hieß, bei Lichte besehen: Sie finanzierten kreditweise die Zahlungsbilanzdefizite der ölimportierenden Länder. So setzte eine hohe Beschleunigung des Wachstums der internationalen Kreditvolumina ein; sowohl die staatliche als auch die private internationale Verschuldung wuchsen in rasantem Tempo.
    Da der internationale Ölhandel herkömmlicherweise in US-Dollars fakturierte und auch zahlte, wurden vor allem die internationalen Dollarkreditvolumina ausgeweitet. Um die Sache zu vereinfachen, wurden neue Finanzierungspraktiken erfunden; der sogenannte Eurodollar-Markt – ein Wort, das wenige Jahre zuvor noch weitgehend auf Unverständnis gestoßen wäre – entwickelte sich zu einem florierenden Geschäft; an vielen Stellen außerhalb der USA wurden Bankniederlassungen aus dem Boden gestampft, die mit billigen Dollarkrediten gewaltige Gewinne einstrichen.

    Die für den Dollar verantwortliche amerikanische Zentralbank war dagegen machtlos; sie war sich allerdings auch gar nicht über die damit verbundenen Gefahren im klaren. Ebensowenig erkannte sie die Gefahren, die in der de facto langfristigen Kreditfinanzierung zugunsten der zahlungsbilanzschwachen Ölimportländer durch amerikanische Privatbanken lagen; die Banken schienen genügend Depositen von arabischen Einlegern zu bekommen. Diese Einlagen waren aber kurzfristig! Für die international tätigen Geschäftsbanken in England, Deutschland und den anderen betroffenen Ländern war die Lage prinzipiell ähnlich: Pro Vierteljahr strömten acht bis zehn Milliarden US-Dollar kurzfristig aus arabischen Quellen nach Europa, die alsbald wieder international ausgeliehen wurden, und zwar langfristig. Dies waren die Ursachen der internationalen »Schuldenkrise« der Entwicklungsländer in den achtziger Jahren.
    Ich habe die Schuldenkrise damals so nicht vorausgesehen; mich bewegten zwei andere Sorgen. Ich fürchtete um die Bonität und Zahlungsfähigkeit derjenigen Banken, die außerhalb ihres eigenen Währungsgebietes tätig waren, noch dazu in fremder Währung, die also weder der Aufsicht noch im Notfalle der Stützung durch die eigene nationale Zentralbank unterlagen. Ich hielt – wie sich zeigen sollte, nicht unbegründet – eine Bankenkrise für möglich. Zum anderen fürchtete ich, daß für alle Ölimportländer letztlich eine Zahlungsbilanzkrise und in deren Folge eine Deflationskrise mit allen Auswirkungen auf die Beschäftigung unvermeidlich war.
    Diesen Sorgen gab ich in einer öffentlichen Rede in Rheinland-Pfalz drastisch Ausdruck: Wir gingen anstrengenden Zeiten entgegen und müßten uns auf große Einschränkungen gefaßt machen; in Anspielung auf Churchills berühmte Kriegsrede sprach ich von »Schweiß und Tränen«. Daran nahm Bundeskanzler Brandt Anstoß, ich dürfe die Konjunktur nicht zerreden. Ich fügte mich, aber am 5. November 1973 schrieb ich einen besorgten privaten Brief an den amerikanischen Außenminister, Henry Kissinger. Darin schlug ich ihm vor, eine private Konferenz von Diplomaten, Öl- und Währungsfachleuten der wichtigen Industriestaaten abzuhalten, um
eine gemeinsame Politik der Regierungen des Westens zu entwikkeln. Es sei nötig, über einen Erfahrungs- und

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