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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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Meinungsaustausch zur Kooperation untereinander und zu einer gemeinsamen Politik gegenüber den OPEC-Staaten zu gelangen.
    Meine Anregung fiel bei Kissinger zunächst nicht auf fruchtbaren Boden, weil es im November 1973 zu Spannungen zwischen Washington und Bonn gekommen war, die durch die Medien genährt wurden. Die US-Regierung hatte aus ihren militärischen Arsenalen in Bremerhaven ohne Wissen der Bundesregierung Schiffstransporte für Israel zusammengestellt, so daß die Bundesrepublik Deutschland zur Drehscheibe für militärischen Nachschub im Yom-Kippur-Krieg gemacht worden war. Willy Brandt hatte daran mit Recht Anstoß genommen. Erst im Februar 1974 hat sich aus meiner Anregung die Washingtoner Energiekonferenz entwickelt; Henry Kissinger hat in seinen Memoiren ausführlich darüber berichtet.
    Da Präsident Pompidou nicht – wie gehofft – seinen Finanzminister Giscard, sondern vielmehr seinen Außenminister Jobert zu der Konferenz entsandte, kam es zu heftigen Kontroversen zwischen diesem und dem Gastgeber Kissinger. Brandt hatte sowohl seinen Außenminister Scheel und auch mich entsandt; Scheel fiel es zu, als Vorsitzender des Rates der Europäischen Gemeinschaft für diese zu sprechen – ich dagegen sollte die deutschen Interessen vertreten. Das habe ich auch getan: an der Seite Kissingers gegen Jobert, der recht streitsüchtig war und seine Vorstellung von der Rolle Frankreichs in der Welt weitaus wichtiger nahm als die bedrohlichen ökonomischen Probleme, um die es ging und die er nicht verstand.
    Die Konferenz blieb ohne unmittelbare Wirkung. Die Strukturkrise der Weltwirtschaft nahm ihren Anfang, ohne daß die wichtigsten Regierungen sich in der Diagnose einig waren, ganz zu schweigen von der Therapie.

    Freundschaft mit Gerald Ford
    Die Washingtoner Energiekonferenz, überschattet von amerikanisch-französischen Gegensätzen, war für mich der letzte Akt der Zusammenarbeit mit der Nixon-Administration. Danach habe ich Richard Nixon als Präsident nur noch einmal, Ende Juni 1974, bei einem NATO-Treffen in Brüssel gesehen; ich war gerade Bundeskanzler geworden, und Fragen der Außenpolitik standen im Vordergrund. Deshalb streiften wir die auf der Washingtoner Energiekonferenz nicht gelösten Probleme nur kurz; Nixon machte mir ein eigentlich unangebrachtes Kompliment über meine dortige Rolle. Er wirkte angespannt und zugleich unsicher – sechs Wochen später trat er zurück.
    Den bisherigen Vizepräsidenten Gerald Ford, der an seine Stelle trat, hatte ich bis dahin nicht näher kennengelernt. Ford war von Nixon im Oktober 1973 überraschend zum Vizepräsidenten vorgeschlagen worden, nachdem der 1969 – zugleich mit Nixon – in dieses Amt gewählte Spiro Agnew wegen steuerlicher Unregelmäßigkeiten zurückgetreten war. Ford seinerseits ernannte Nelson Rockefeller zum Vizepräsidenten, so daß jetzt beide Spitzenmänner der USA auf ungewöhnliche Weise, wenngleich durchaus verfassungskonform, zu ihrem Amt gekommen waren.
    Die Anklage und das Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen Präsidenten Nixon standen noch bevor; die Welt spekulierte, ob Nixon verurteilt werden würde. Um nach Vietnam und nach Watergate eine weitere Erschütterung und eine innere Entzweiung der Nation zu vermeiden, begnadigte Ford nach einigen Wochen seinen Vorgänger. Auch dies war zwar verfassungskonform, aber erneut höchst ungewöhnlich – und für die meisten Europäer kaum verständlich, da die europäischen Verfassungen ein solches Verfahren (nämlich Begnadigung vor dem Gerichtsurteil) nicht kennen. Als ich von Gerald Fords Entscheidung erfuhr, sagte ich zu meinen Mitarbeitern: »Donnerwetter, der Ford hat Courage.«
    Da Nixon nun aus dem Spiel war, stürzte sich ein Teil der Medien auf Ford. Er ist in den zweieinhalb Jahren seiner Amtszeit von den Medien seines Landes und vor allem vom amerikanischen
Fernsehen ziemlich unfair behandelt worden. Diese vorwiegend negative Haltung übertrug sich zunächst auch auf Europa. Aber spätestens während der großen europäischen Konferenz in Helsinki Ende Juli 1975 und während des ersten Wirtschaftsgipfels in Rambouillet im November 1975 haben die Staatsmänner Europas Gerald Ford als einen zuverlässigen außenpolitischen Partner schätzengelernt, dem sie auch persönlich und menschlich vertrauten – trotz zwangsläufiger Interessenkollisionen und Meinungsverschiedenheiten.
    Die sowjetische Führung unter Breschnew, dem die innenpolitische Bedeutung der

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