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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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Watergateaffäre wohl ziemlich unverständlich geblieben war, wurde durch die erneute Ernennung Henry Kissingers zum Außenminister beruhigt; unter Ford würde also kein grundlegender Wandel der außenpolitischen Ziele und Methoden der USA zu befürchten sein. Das Treffen zwischen Ford und Breschnew in Wladiwostok im Dezember 1974 mag schon vor Helsinki etwa verbliebene Zweifel vollends aus dem Weg geräumt haben.
    Ich selbst habe Gerald Ford während seiner kurzen Amtsperiode achtmal in ausführlichen Gesprächen oder Verhandlungen gesehen und erlebt. Die erste Begegnung im Spätherbst 1974 in Washington diente im wesentlichen dem Kennenlernen. Von Mai 1975 an sahen wir uns dreimal in kurzen Abständen, zunächst Ende Mai in Brüssel aus Anlaß eines großen Treffens der Atlantischen Allianz, acht Wochen später in Bonn bei einem bilateralen Besuch des amerikanischen Präsidenten in der Bundesrepublik und wenige Tage darauf erneut in Helsinki.
    Spätestens bei seinem Besuch in Bonn faßte ich großes persönliches Zutrauen zu dem neuen Präsidenten. Ich bin darin nicht enttäuscht worden; ebenso hat Gerald Ford mich niemals – etwa durch einseitig, also ohne Konsultation getroffene Entscheidungen – überrascht. Im Gegenteil: er führte auf fast allen Feldern die Außenpolitik Nixons fort; unter seiner Präsidentschaft waren die USA – von Bonn aus gesehen – ein immer berechenbarer und zuverlässiger Partner und Führer der Atlantischen Allianz.
    So blieb es bei der doppelten »Grand Strategy« der Allianz, wie sie schon Ende 1967 gemeinsam definiert worden war: sowohl gemeinsame Sicherheit vor der Sowjetunion durch gemeinsame Verteidigungsfähigkeit als auch Kooperation mit der Sowjetunion, besonders auf dem Felde der vertraglichen Rüstungsbegrenzung durch SALT und MBFR. Daß die USA darüber hinaus eigene Interessen wie auch Gesamtinteressen des Westens in jenen Regionen wahrzunehmen hatten, die über den geographisch definierten Bereich des Nordatlantikpakts hinausgingen, war den Europäern selbstverständlich; es war nichts Neues.

    Abb 24 Erstes Kennenlernen Gerald Fords, Washington, Anfang Dezember 1974.

    1976 war Schmidt wiederum zu Gast in Washington.
    Von links nach rechts: Ford, Schmidt, Vizepräsident Nelson Rockefeller sowie die beiden Außenminister Kissinger und Genscher.

    Zu den leichten Meinungsverschiedenheiten des Jahres 1975 gehörte die Frage nach der Einstellung gegenüber Portugal und Spanien. In einem Gespräch am 29. Mai 1975 in Brüssel kam es darüber zu folgendem Dialog zwischen Ford und Kissinger auf der einen und mir auf der anderen Seite:
    Schmidt: »Können Sie in Ihrer Rede vor dem Nordatlantikrat in bezug auf Spanien nicht etwas zurückhaltender sein, als es in Ihrem Entwurf steht?«
    Ford: »Wollen Sie, daß ich Spanien gar nicht erwähne?«
    Schmidt: »Nein, aber vielleicht ließe sich die ganze Spanienpassage etwas umformulieren. Für uns in Europa sieht das spanische Problem etwas anders aus als für die USA, für die Spanien vornehmlich ein strategischer Faktor ist. Die Ära Franco geht offenkundig zu Ende [Franco starb am 24. November 1975]. Es ist noch unklar, wer danach das Steuer in die Hand bekommt. Wir sollten diejenigen ermutigen, von denen wirhoffen, daß sie nach Franco regieren werden. Das heißt: wir dürfen nicht bloß mit denen reden, die gegenwärtig die Macht ausüben.«
    Ford: »Wir stehen in Vertragsverhandlungen über einen Stützpunkt, dem wir hohe Priorität beimessen. Wenn diese Verhandlungen scheitern sollten, so würde das auch für das Bündnis erhebliche Nachteile mit sich bringen. Also muß man einen Balanceakt vollbringen.«
    Schmidt: »Ja, sicher. Damit Sie aber auch morgen Ihrer Stützpunkte und Ihrer besonderen strategischen Verbindungen mit Spanien sicher sein können, sollten Sie auch mit den Mächtigen von morgen darüber sprechen. Es geht dabei auch um das ›standing‹
der USA in Europa; denn man sollte den USA nicht nachsagen dürfen, sie setzten auf das falsche Regime.«
    Kissinger: »Wir Amerikaner wenden auf Spanien die gleiche Theorie an, die Sie als Europäer auf Portugal anwenden: Wir wollen keine unkontrollierbaren Bewegungen unterstützen … Die jüngste Entwicklung in Portugal hat das Gewicht zugunsten der kommunistisch eingestellten Offiziere verschoben.«
    Schmidt: »Man kann sich noch kein endgültiges Urteil über den Ausgang der Sache bilden. Portugal erlebt einen wirtschaftlichen Niedergang, es steht ökonomisch vor

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