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Menschen und Maechte

Menschen und Maechte

Titel: Menschen und Maechte Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Helmut Schmidt
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abgesehen, auf die ich noch zu sprechen kommen werde – keine ins Gewicht fallenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Washington und Bonn gegeben hat. Viel wichtiger waren in unseren Beratungen die mit SALT I und MBFR (Mutual Balanced Force Reductions, beiderseitige gleichgewichtige Truppenreduzierung in Mitteleuropa) zusammenhängenden Fragen, dann natürlich die Helsinki-Schlußakte von 1975, die Strukturkrise der Weltwirtschaft, dabei besonders die Öl- und Energieproblematik, die Währungsproblematik, schließlich der Nahe und Mittlere Osten, China – und endlich das rein bilaterale Thema der von mir gewünschten definitiven Beendigung deutscher Offset-Zahlungen an die USA.
    Was MBFR anlangte, so wünschte Ford aus innenpolitischen Interessen einen baldigen Fortschritt. Er hoffte darauf, vor Beginn des eigentlichen Präsidentschaftswahlkampfes im Rahmen eines Verringerungsabkommens bereits einen Teil der amerikanischen Truppen aus Europa abziehen zu können, um das dem Kongreß in Washington als Erfolg vorzuführen. Er hatte den Eindruck, daß sowohl auf sowjetischer als auch auf westlicher Seite während der Verhandlungen zu viele taktische und arithmetische Kunststücke gemacht wurden.
    Ford wollte die Sache vorantreiben, und diese Absicht traf sich mit meiner eigenen Auffassung. Schon Ende der fünfziger Jahre und erneut zehn Jahre später als Verteidigungsminister hatte ich mich mit beträchtlichem Aufwand in Wort und Schrift für die
Herstellung eines europäischen Truppengleichgewichts auf niedrigerer Ebene eingesetzt – ohne Erfolg. Um so lieber war mir Fords Einstellung. Aber unser beider Einfluß hat nicht ausgereicht, die zähflüssig-buchhalterischen MBFR-Verhandlungen in Wien tatsächlich voranzubringen.
    Auch zu SALT II hatten wir keine Meinungsverschiedenheiten. Ford und Kissinger hatten Breschnew und Gromyko im November 1974 in Wladiwostok getroffen. Man war offenbar sehr nahe an eine vollständige Einigung über SALT II herangekommen. Es gab jedoch noch zwei Hindernisse. Eines davon hatte mit der amerikanischen Innenpolitik zu tun, nämlich mit dem bevorstehenden Wahlkampfjahr 1976. Denn das Erreichbare wäre aller Voraussicht nach von zwei Seiten kritisiert worden: zum einen von jenen Demokraten, denen das Abkommen nicht weit genug gegangen wäre, zum anderen von den rechten Republikanern, mit Kaliforniens Gouverneur Ronald Reagan an der Spitze, die das Abkommen als für die USA nachteilig denunziert hätten und denen Kissingers Gleichgewichtspolitik aus ideologischen Gründen ohnehin verdächtig und verdammenswert erschien. Ford wollte SALT II deshalb erst nach den präsidentiellen Primärwahlen des Sommers abschließen, möglicherweise erst nach den Präsidentschaftswahlen im November. So ließ er sich Zeit.
    Andererseits brauchte er auch Zeit, um das zweite Hindernis zu überwinden: die inzwischen neu in Produktion gegangenen sowjetischen Bombenflugzeuge vom Typ Backfire und die Mittelstreckenraketen vom Typ SS 20. Unter vier Augen sprachen Ford und ich im Mai 1975 sehr offen über diese neuen Schwierigkeiten.
    Ich konnte Fords innenpolitische Erwägungen durchaus nachvollziehen, und sein Kalkül irritierte mich nicht. Ich setzte auf die Wahrscheinlichkeit seiner Wiederwahl und hatte keinen Zweifel, daß er danach das SALT-II-Abkommen, an dem uns Deutschen sehr gelegen war, zustande bringen würde. Was die Backfire-Bomber und in noch höherem Maße die SS-20-Raketen betraf, gab es natürlich ein dringendes deutsches Interesse, sie in das mit SALT II beabsichtigte bilaterale Gleichgewicht einzubeziehen. Seit der Kuba-Raketenkrise war mir das innereuropäische Übergewicht sowjetischer
nuklearer Mittelstreckenwaffen als gefährlich erschienen, und als Verteidigungsminister hatte ich mehrfach mit Melvin Laird darüber gesprochen. So war ich froh, daß Gerald Ford diese Sorge nicht nur verstand, sondern teilte; er versprach ausdrücklich, die SS 20 und Backfire in SALT II einzubeziehen. Wir haben jene Übereinstimmung damals nicht aktenkundig gemacht; angesichts unseres persönlichen Vertrauensverhältnisses schien uns dies nicht nötig zu sein – und außerdem wollten wir keine schlafenden Hunde wecken.
    Im Mai 1975 stand das große europäische Gipfeltreffen von Helsinki noch nicht ganz fest; tatsächlich kam es dann Ende Juli zustande. Über den Inhalt der anzustrebenden Helsinki-Schlußakte, auch über den sogenannten Korb Drei, der die Absichtserklärungen zur Einhaltung der

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