Merlin und die Fluegel der Freiheit
kam ich auf die Füße, obwohl meine Stiefel immer noch vibrierten. Verwirrt schaute ich
hinaus aufs Meer und sah, was meine Beine fast wieder einknicken ließ.
Die Insel bewegte sich! Sie glitt übers Meer, wie ein einsames Blatt über einen Bergsee treibt. Wind schlug mir ins Gesicht
und pfiff in den Ohren. Ein dünner Wasserlauf brauste am Strand entlang, er rauschte an uns vorbei, aber dahinter blieb der
Ozean still. Inzwischen kam Fincayras westliche Küste mit ihren dunklen Klippen, die denen über uns glichen, rasch näher.
Eine Ewigkeit, so empfand ich es, staunte ich über den Anblick. Die vergessene Insel kehrte zur Hauptinsel zurück! Die gegenüberliegende
Küste würde mit der Stelle zusammenstoßen, an der Dinatius und ich jetzt waren. Und bei dieser Geschwindigkeit würde es in
wenigen Minuten geschehen.
Ich lief zu dem bewusstlosen Krieger und stemmte meine unverletzte Schulter gegen den Felsbrocken auf seiner Brust. Die Füße
im bebenden Sand vergraben, schob ich mit aller Kraft, die mir noch geblieben war. Der Fels rutschte hinunter und blieb liegen.
Mit einem Blick überzeugte ich mich, dass die Wasserstraße schnell schmäler wurde.
Ich kniete mich neben Dinatius. Woher die Kraft kam, weiß ich nicht, aber irgendwie schaffte ich es, ihn auf meinen Rücken
zu heben. Ich schwankte unter seinem Gewicht und von dem fortgesetzten Beben, aber ich trug ihn zu dem Spalt, der sich nach
seinem Fall geöffnet hatte. Die Rinne war steil, doch langsam kroch ich hinauf und bemühtemich die ganze Zeit seinen schlaffen Körper zu halten. Meine Knie und Schenkel schmerzten; mein verletzter Arm fühlte sich
an wie ein abgestorbener Zweig. Doch ich hielt durch – und klomm höher.
Keuchend vor Erschöpfung erreichte ich schließlich das obere Ende. Ich rollte mich auf die Seite und lud meine Last ab. Ein
paar Sekunden lag ich auf dem erschütterten Boden, zu schwach, um mich zu bewegen. Plötzlich brach ein knirschendes Krachen
aus, das alle anderen Geräusche übertönte. Im selben Moment wurde ich zu dem Spalt zurückgeschleudert, den ich gerade heraufgeklettert
war. Ich hob die Arme vors Gesicht, überzeugt, dass ich über die Klippe hinunterstürzen würde.
Aber da war keine Klippe. In der unheimlichen Stille, die entstanden war, senkte ich die Arme und sah die Wahrheit. Den Strand,
an dem wir vor wenigen Minuten gewesen waren, gab es nicht mehr. So wenig wie die Wasserstraße zwischen den Inseln.
Schwach stand ich auf. Die Küsten waren zusammengekommen. Natürlich nicht nahtlos. Steinhaufen und enge Spalten waren geblieben
und markierten die Grenze. Doch es gab keinen Zweifel, was geschehen war. Dieses Landstück war jetzt ein Vorgebirge, das ins
Meer hinausragte. Die verbannte Insel hatte sich endlich wieder mit Fincayra vereinigt.
Kehrt Land, längst vergessen, zur Küste zurück.
Die Zeile aus der Ballade von Fin, die so rätselhaft gewesen war, als Cairpré sie zitierte, hatte jetzt Sinn.
Wie aber war es geschehen? Ich schaute hinauf zum Hügel, über den die Reste seiner Schätze verstreut waren. Schwankend stieg
ich den Hang hinauf, meine Stiefel versanken im Boden. Das Glitzern goldener Blätter fiel mir insAuge und ich stapfte hinüber zu dem Mistelkranz und schaute in den Kreis, wo ich den pulsierenden Samen eingepflanzt hatte.
Ich hoffte irgendeine Veränderung zu sehen. Nichts als nackte Erde.
Während ich noch rätselte, was die Rückkehr der Insel ausgelöst hatte, sah ich auf die umgestürzte Statue, deren Flügel vor
so langer Zeit zerschellt waren. Und ich erinnerte mich an Dagdas Schlussworte:
Nur wenn in künftigen Tagen eure Leute hierher reisen und wahrhaft lernen, was ihr getan habt, kann dieses Land endlich von
seinem Fluch befreit sein . . . Und doch werden diese Reisenden . . . nie mehr die vergessene Insel verlassen.
Die Worte gingen mir durch den Kopf auf dem Rückweg zu Dinatius, der verletzt, aber am Leben war. Hatte ich vielleicht durch
die Schonung seines Lebens gezeigt, dass ich die Wahrheit über die Fehler der Geflügelten gelernt hatte? Und hatte meine mitleidige
Geste genügt, um den Trennungsfluch der Insel zu beenden? Nur Dagda selbst kannte die Antwort. Jedenfalls hatten sich seine
Worte bewahrheitet. Denn wenn die Zeit kam, diesen Ort zu verlassen, würde ich keine Insel verlassen, sondern ein verschwundenes
Vorgebirge, das endlich zurückgekehrt war.
XXIX
EIN STERN IN EINEM KREIS
D ie Sonne stieg höher und
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