Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Monrepos oder die Kaelte der Macht

Monrepos oder die Kaelte der Macht

Titel: Monrepos oder die Kaelte der Macht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Manfred Zach
Vom Netzwerk:
dann machen wir’s – und, schon im Gehen: Pinseln Sie ‘nen schönen Vermerk für den MP, der seine Bedenken, falls er überhaupt welche hat, zerstreut!
    Gundelach tat, wie ihm geheißen. Es wurde, wie er fand, wirklich ein schöner, überzeugender Vermerk. Trotzdem biß Oskar Specht nicht sofort an, sondern ließ, was seine Art sonst nicht war, die Sache eine Weile liegen. Dann verfügte er mit großem, herrischem ›R‹ eine Rücksprache, und Gundelach fragte sich beklommen, ob er nicht gegenüber seinem neuen Duzfreund Werner den Mund zu voll genommen hatte.
    Wie sich herausstellte, betraf des Ministerpräsidenten Zögern jedoch vor allem die Außenwirkung einer Promotion honoris causa. Nach dem universitären Verfahrensstand – den Gundelach dann in seiner ganzen abenteuerlichen Unvollkommenheit hätte offenlegen müssen – fragte er zum Glück nicht. Specht sorgte sich, ob ihn der Arbeiter beim Daimler und die Angestellte im Kaufhof, die man gerade erst mit viel Mühe zur CDU herübergezogen hätte, für abgehoben halten könnten, wenn er auf einmal als ›Doktor‹ daherkäme. Auch hatte die Landesregierung gerade erst Rudolf Breisinger zum siebzigsten Geburtstag den Titel Professor verliehen, was in der Öffentlichkeit nicht übermäßig begeistert aufgenommen worden war. Würde die Presse mutmaßen, bei Specht liege ein Nachholbedürfnis an akademischen Weihen vor?
    Wiener und Gundelach beruhigten Specht nach Kräften, indem sie ihm versicherten, das Volk werde die fragliche Auszeichnung keinesfalls als etwas dem Menschen Oskar Specht Wesensfremdes auffassen. Vielmehr werde man darin nur die logische Konsequenz seiner Verdienste um die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen durch eine zukunftsorientierte Strukturpolitik erblicken. Wogegen auch die Medien, selbst wenn sie wollten, nicht anstinken könnten. Es mache auch Sinn, sagten sie, daß eine Landesuniversität die Ehrung vornehme, weil der Grund eben in der modellhaften Verwirklichung des Neuen, Wegweisenden im Land selbst zu suchen sei.
    Tom Wiener fügte noch an: Nach drei Wochen fragt sowieso kein Aas mehr danach, warum und von wem du den Titel hast. Aber er bleibt dir ein Leben lang!
    Specht ließ sich bald überzeugen. Man beschloß jedoch, Professor Wrangel zu signalisieren, daß es mit dem Festakt keine Eile hätte, um den zeitlichen Abstand zu Breisingers Titularprofessur zu vergrößern. Gundelach war froh um diesen Aufschub, denn er vermutete, daß Wrangel mehrere Monate brauchte, bis er seinen Willen in allen zu beteiligenden Kollegien durchgeboxt hatte – auch wenn er das, woran Gundelach keinen Zweifel hegte, ›mit aller Brutalität und Härte‹ tun würde.
    Schon als er in seinem Büro den Telefonhörer abhob, um Wrangels Nummer zu wählen und ihm die zustimmende Entscheidung des Ministerpräsidenten mitzuteilen, freute er sich auf das begeisterte, dröhnende Lachen seines neuen Freundes.
    Glasvogel
    Warum tu ich das alles?
    Ja, das ist so einfach nicht zu erklären …
    Manchmal, wenn er wach liegt (oft liegt er jetzt nachts lange wach) und Heike neben sich atmen hört, hört er auch ein einzelnes frühes Vogelzwitschern aus einem der Obstbäume vorm Haus. Durch die Jalousien dringt es zu ihm, früher noch als das Licht und seltsam hallend, als gäbe es auf der Welt nur diesen Ton und diese eine fragende, melancholische Stimme.
    Manchmal glaubt er dann die Antwort zu wissen.
    Aber die Antwort ist zerbrechlich wie Glas, zerbrechlich wie die aufsteigende und in sich zurückfallende Vogelstimme, und wenn die überreizten Sinne sie mit neuen Fragen bedrängen, wenn der unruhige Verstand sich in sie verkrallt, zerspringt ihr eben noch tröstendes Bild zu einem banalen, nichtssagenden Geäder, so wie der Zauber der einen vorauseilenden Stimme zerstört ist, sobald die zweite und dritte sie erreicht.
    Es gibt unterschwellige Veränderungen, soviel steht fest. Veränderungen, die zu benennen – und zu fassen erst recht – schwer ist; und doch existierten sie jenseits aller Einbildung.
    Wenn er wach liegt und das, was ihm früher in Träumen erschienen sein mochte, sich nun in der Gestalt von Bildern und Assoziationen an ihn herandrängt, denkt er unwillkürlich an das langsame Bröckeln mürben Gesteins oder ans unmerkliche Sichlockern festgezurrter Taue.
    Doch was erklärt das?
    Die Dreiergemeinschaft zeigt Verschleißerscheinungen. Morgens, im Dunkel, hört man das Knistern haarfeiner Bruchstellen.
    Specht hat etwas die Lust an

Weitere Kostenlose Bücher