Monrepos oder die Kaelte der Macht
von dem blassen Nachfolger Meppens’, einem redlichen Studiendirektor, kaum jemand Notiz genommen – jetzt hat er seine Plattform. Die Journaille ergreift die Chance, sich für manche Düpierung zu revanchieren und beginnt, den finanziellen Wohltaten der Industrie an die Landes-CDU genauer nachzuspüren. Der Bonner Parteispendensumpf ist nicht mehr ganz so weit weg. Das Schlimmste aber: Die Wirtschaftskapitäne müssen öffentlich über ihre parteipolitischen Präferenzen Auskunft geben. Sie werden es Oskar Specht nie verzeihen, daß er, während sie vor dem Ausschuß zappeln, schweigt.
Natürlich schweigt Specht nicht immer und nicht überall. Den politischen Profi Gundelach braucht niemand mehr darüber zu belehren, daß Schweigen nicht gleich Schweigen ist; selbst draußen im Geäst nicht. Im Kabinett tobt der Ministerpräsident über die Unfähigkeit seines Finanzministers, die Steuerverwaltung in den Griff zu kriegen. In Hintergrundgesprächen streut er reichlich Ehrenerklärungen aus für die am Pranger stehenden Manager. Aber öffentlich äußert er sich nicht – und genau darauf warten sie, die ehrpusseligen Herren. In Bedrängnis Geratenen beizustehen und dafür Kratzer am Lack in Kauf zu nehmen, scheint aber im konkurrenzbetonten Aufstiegsprogramm des Oskar Specht bislang nicht vonnöten gewesen zu sein. Das sorgt, begleitet von den irritierenden Umweltinitiativen, ausgerechnet dort für atmosphärische Trübungen, wo bisher das konstanteste Hoch in Spechts Sonnenstaat zu verzeichnen war: In kleinen, logenartigen Unternehmerzirkeln mehren sich gewichtige Stimmen, die meinen, daß es dem erfolgreichen Regierungschef letztlich wohl nur um eins gehe: um die eigene Haut.
Das Befremdlichste an der aufwachenden Natur ist, daß sie nicht deutlich spricht. Jeder Ton bleibt in der Schwebe. Nichts ist klar, nichts wirkt festgelegt. Ein Steigen und Fallen. Dabei: Wo sonst, wenn nicht in der Unschuld des Kreatürlichen, soll Klarheit und Geradlinigkeit denn zu finden sein?
Gundelach hadert mit dem konturenlosen Echo.
Der Alltag hat Oskar Specht eingeholt. Irgendwann hat es so kommen müssen. Irgendwann ist das Feuerwerk abgebrannt. Irgendwann möchten die Menschen ausruhen vom staunenden ›Oooh‹ und ›Aaah‹ und Atem schöpfen. Irgendwann will auch die Presse die andere Seite wieder zu Wort kommen lassen. Man weiß das und findet es generell für richtig. Aber im eigenen Fall tut’s weh. Specht und Wiener haben oft darüber gesprochen, wie es sein wird, wenn eines Tages die Normalität Einzug hält. Politische Routine mit ihren ermüdenden Begleiterscheinungen, mit kleinlichem Gezänk, hämischer Kritik und schlecht verhülltem Überdruß. Da muß man durch, haben sie gesagt, und darf sich nicht beirren lassen.
Jetzt, nach fünf Jahren emsigen Umkrempelns, will Oskar Specht nichts weniger als sich widerspruchslos in diesen Alltag hineinschicken. Er entflieht ihm, so oft er kann. Läßt ihn hinter und unter sich. Bonn ist sein bevorzugtes Ausweichdomizil; Bundespolitik das Stimulans, dessen rauschhafte Wirkung die Provinzialität der heimischen Bretterbühne vergessen machen soll. Helmut Kohl hat die Bundestagswahl vom 6. März 1983 zwar gewonnen – doch er wirkt unsicher und hausbacken. Die Wirtschaftspolitik, von der FDP diktiert, weist wenig Inspiration auf. Ein ideales Profilierungsfeld für einen, der den technologischen Königsweg zur Zukunft gefunden hat! Der die Welt kennt, die Freien Demokraten als quantité negligeable behandelt und mit den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Rau und Börner auf freundschaftlichem Duzfuß verkehrt.
Der EG-Gipfel in der Landeshauptstadt – auch wenn seine politische Ausbeute beklagenswert gering war – hat doch Spechts Tauglichkeit als internationaler Gastgeber unter Beweis gestellt. Jetzt bereitet er sich zielstrebig, bei jeder Gelegenheit seine föderative Eigenständigkeit betonend, auf die Bundesratspräsidentschaft vor, die im turnusmäßigen Wechsel unter den Bundesländern 1985 auf ihn zukommt. Dann wird er eins der protokollarisch höchstrangigen Ämter der Bundesrepublik innehaben. Die Medien, insbesondere die unionskritischen, fangen schon jetzt an, Specht als perspektivische Alternative zu Kohl und Strauß aufzubauen. Wie sollte ihm das nicht gefallen? Kann er auf diese Weise doch jedem, der sich daheim im Erbsenzählen übt, zeigen, wer der kläffende Hofhund ist und wer das Gestirn, das die dörfliche Szenerie mit kaltem, spöttischem
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