Monrepos oder die Kaelte der Macht
Wirtschaftswissenschaften ehrenhalber (Dr. rer. pol. h.c.) zu verleihen. Damit – schrieb der Dekan – sei das Procedere in der Fakultät abgeschlossen. Es müsse nur noch der Senat der Universität in Kenntnis gesetzt werden.
Aus Gesprächen mit Wrangel wußte Gundelach, daß die Sache, nach anfänglichen Widerständen, gut lief. Trotzdem war er überrascht, wie schnell und geschlossen der Freund die Professoren, Privatdozenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter seiner Fakultät hinter sich gebracht hatte.
Das, sagte Wrangel augenzwinkernd, sind eben die Vorteile einer konsequenten Berufungspolitik. Außerdem haben wir einige einflußreiche Honorarprofessoren – Vorstände von Banken, Versicherungen und Bausparkassen. Der Antrag, Specht zum Ehrendoktor zu machen, kam aus deren Mitte, nicht von mir – was dachtest du? Und wer mag sich’s mit denen schon verderben! Du kannst übrigens deinem Chef sagen, daß er seit über zwanzig Jahren der erste Nichtwissenschaftler ist, der von uns diese Auszeichnung erhält.
Wieso Nichtwissenschaftler? entgegnete Gundelach heiter. Du vergißt, daß Specht der Vater des berühmten Synthesemodells ist, das Keynes und Friedman auf höherer Ebene zusammenführt, mein Lieber!
Sie vereinbarten, mit der Beratung im Senat, die laut Wrangel nur noch formellen Charakter haben würde, bis zum Beginn des Sommersemesters zu warten und die Ehrung dann im Rahmen eines Festkolloquiums vorzunehmen. Bis dahin hatte Wrangel seine Kurven und Diagramme und hatte Gundelach das Publikationsverzeichnis beisammen, mit dem Spechts Anspruch auf akademischen Lorbeer untermauert werden sollte.
Er war froh, zu diesem Zweck auf die Schriftenreihe ›Heute und morgen‹ zurückgreifen zu können, in der, um sie am Leben zu erhalten, immer mal wieder Aufsätze des Ministerpräsidenten zu Grundsatzfragen veröffentlicht worden waren.
Bei meinem nächsten Besuch, nahm er sich vor, werde ich Sören Tendvall erzählen, daß auch dieses von ihm finanzierte Projekt gute politische Dienste leistet. Doch er war sich nicht sicher, ob der Greis ihn noch verstehen würde. Tendvalls leuchtende Augen begannen stumpf zu werden.
Der neue Kurs, die Kunst und – in Maßen – auch die Sozial- und Geisteswissenschaften für monreposfähig zu halten, schlug sich umgehend in weiteren Zukunftskongressen und in den Untersteiner Gesprächen nieder. Eine von Specht eingesetzte Kommission befaßte sich intensiv mit der Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen. Programmgemäß kam sie zu dem Schluß, daß den modernen Technologien enorme Chancen innewohnten, um Arbeit sinnvoller verteilen, die Umwelt schonen und den Menschen ein kulturell höherwertiges Freizeiterlebnis angedeihen lassen zu können. Specht verwendete diese Erkenntnisse mit Vorliebe auf Partei- und Wirtschaftsveranstaltungen, in denen er, dezent aber deutlich, von Helmut Kohl die versprochene ›geistige Wende‹ einforderte und gleich das passende Strickmuster dafür mitlieferte.
Gundelach benützte die professorale Fleißarbeit gleichfalls für eigene Zwecke. Er fühlte, daß die Zeit zu drängen begann. Oskar Specht würde nicht mehr lange Geduld aufbringen, um ›das Ganze‹, wie er es nannte, als seinen Zukunftsentwurf in Buchform präsentieren zu können.
Zuvor aber gönnte der Ministerpräsident sich und seiner Familie noch einen pfingstlichen Segelurlaub in der Ägäis. Er tat es auf Einladung von Dr. Mohr, dem Vorstandsvorsitzenden eines großen Elektronikkonzerns, der es geschafft hatte, in den engsten Freundeskreis Spechts vorzustoßen.
Mohr unterschied sich von der herkömmlichen Freundesschar, den Tramp, Berghoff, Stierle, Schmiedlein und wie sie alle hießen, auf bemerkenswerte Weise. Er war vielseitig interessiert und über das gewöhnliche Maß hinaus zielstrebig. Noch in seiner jetzigen Spitzenposition hatte er, Versäumtes nachholend, zum Doktor der Ingenieurwissenschaften promoviert – nicht ehren-, sondern arbeitshalber. Die technologischen Aktivitäten Spechts begleitete er aufmerksam wie kein Zweiter aus dessen geldstrotzendem Umfeld. Erst vor wenigen Monaten hatte er die Staatskanzlei auf Firmenkosten mit der Pilotanlage eines Bildtelefons ausrüsten lassen. Zu Gesprächskreisen meldete er sich regelmäßig an, und seine Redebeiträge konnten sich hören lassen. Ging es auf Reisen nach Amerika oder Fernost, war er dabei. Und überall machte er eine gute Figur.
Darüber hinaus führten die Mohrs, wie man früher wohl gesagt hätte,
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