Monrepos oder die Kaelte der Macht
Marktwirtschaftler in CDU und FDP gleich schreien: das wäre dann aber die Maschinensteuer und der Einstieg in den Sozialismus! Statt an diese Fragen heranzugehen und eine echte Steuerreform zu machen, fällt denen nichts weiter ein wie die zwanzigste Tarifkorrektur und die nächste Mehrwehrsteuererhöhung. Das nur als Beispiel.
Ja, sagte Gundelach. Er kannte das Thema.
Und damit, fuhr Specht fort, hängt natürlich zusammen, daß die Arbeitszeitregelung völlig neu überdacht werden muß. Es gibt ja dazu auch einige Ansätze im letzten Kommissionsbericht über die Zukunft der Gesellschaft. Das müßte man noch vertiefen. Es ist doch völliger Quatsch, so zu tun, als hätte die Arbeitszeit heute noch dieselbe Bedeutung wie vor hundert Jahren, als die Menschen an den Maschinen tausendmal am Tag dieselben Handgriffe gemacht haben. Der Softwareexperte und der Entwicklungsingenieur, denen fällt vielleicht am Wochenende, wenn sie vom Betrieb nicht gestört werden, am meisten ein, und dafür wollen sie montags und dienstags segeln gehn, was ist daran schlimm? In dem Zusammenhang sollte man auf das Beispiel Japan hinweisen, wo die Forschungslabors der Hightech-Firmen und der Universitäten an den Wochenenden knallvoll sind und die kreativsten Köpfe sogar für ein halbes Jahr oder länger völlig freigestellt werden, um in Ruhe über ein bestimmtes Problem nachzudenken. Der Mittelständler mit seinem Zwanzigmannbetrieb kann sich das natürlich nicht leisten, und deshalb hat für den die Arbeitszeit eine ganz andere Bedeutung, dem geht unter Umständen ein existenzwichtiger Auftrag flöten, wenn drei seiner Leute auf einmal krank sind. Das heißt, wir brauchen viel mehr Flexibilität in diesem Bereich und im Grunde ein viel individuelleres System wie wir’s jetzt haben.
Genau, sagte Gundelach. Er wußte, was als nächstes drankommen würde.
Zuvor jedoch kam das Essen, saftiges, zartrosa gebratenes Fleisch mit knuspriger Kruste. Einen guten! sagte Specht. Fangen Sie an.
Er selbst schnitt sich ein großes Stück ab, kaute, legte das Besteck beiseite und sagte: Und damit sind wir beim eigentlichen Thema. Wir nutzen das Potential nicht, das uns die neue Technik bietet. Wir denken noch zu sehr in alten Ordnungen. Acht Stunden Arbeit und Schluß. Mit fünfundsechzig in Rente, ob man will oder nicht. Das sind Strukturen, die in der Industriegesellschaft des letzten Jahrhunderts entstanden sind und dort Sinn machten, weil sie die Menschen vor Ausbeutung geschützt haben, aber jetzt führen sie mehr und mehr zu Verkrustungen. Das muß man einmal darstellen, historisch, philosophisch, und dann aufzeigen, welche gesellschaftlichen Folgen das hat. Also zum Beispiel die Gewerkschaften als kollektive Antwort der Arbeiterklasse auf den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital, die hatten ihre Berechtigung, solange es diesen Konflikt gab und der einzelne zu schwach war, sich zu wehren. Diesen Gegensatz gibt es heute nicht mehr, der Arbeiter beim Daimler ist gleichzeitig Kleinaktionär, und der Mittelständler steckt seinem Arbeiter was zu, wenn er mitkriegt, daß dessen Frau krank ist oder das Weihnachtsgeld dafür draufgeht, den Kindern neue Schuhe zu kaufen. Und darum tun sich die Gewerkschaften immer schwerer, überhaupt noch Mitglieder zu finden und die dann auch noch zum Streik zu bewegen, wenn’s um einen Arbeitskampf geht. Der Informatiker bei IBM will erstens wissen, warum gestreikt wird, zweitens sagt er, bei schlechtem Wetter streik ich sowieso nicht, und drittens hat er Gleitzeit und denkt nicht daran, morgens um sechs schon vorm Werktor zu stehn. Das meine ich mit Individualismus, verstehen Sie?
Gundelach nickte. Auch diese Beispiele kannte er. In Spechts Reden kamen sie immer gut an.
Probieren wir mal den Wein, sagte Specht und trank nach Kennerart. Nicht schlecht. Aber das schönste sind die Gläser. Unglaublich schöne Gläser. So dünne, hohe Kelche hab ich noch nie gesehen. Sie?
Nein, sagte Gundelach. Noch nie.
Und so ist es im Grunde mit allen großen Konflikten, schloß Specht, dessen Steak abzukühlen begann. Ökonomie gegen Ökologie, alt gegen jung, das sind die Konflikte von gestern. Die Menschen wollen weiterhin autofahren, aber sie wollen auch was für den Wald tun, und darum werden sie fünfzehnhundert Mark für den Katalysator ausgeben, ohne zu murren. Und die Enkel reden wieder mit den Großvätern über die deutsche Geschichte und machen gewaltig Ärger, wenn die alte Generation ins Heim abgeschoben
Weitere Kostenlose Bücher