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Monrepos oder die Kaelte der Macht

Monrepos oder die Kaelte der Macht

Titel: Monrepos oder die Kaelte der Macht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Manfred Zach
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Katalysator verpufft. Vor Spechts Kanada-Urlaub las man’s anders! höhnte nicht nur die Opposition und vermutete hinter seiner Kehrtwende Sternstunden der besonderen Art. Selbst CDU-Fraktionschef Deusel war nicht willens, den Sinneswandel des Parteifreundes mitzuvollziehen.
    Der Ökolack ist ab! konstatierten Rote und Grüne schadenfroh.
    Da half es auch nicht, daß der Ministerpräsident kurz zuvor das Kernkraftwerk Weihl praktisch aufgegeben hatte – freilich, wie es schien, weniger planvoll denn im Sinne einer Freudschen Fehlleistung. Fortgetragen von seiner Lust an seherischen Prognosen, hatte er in einer Pressekonferenz die vorhandenen Stromerzeugungs-Kapazitäten, unter Einbeziehung verfügbarer zusätzlicher Importe aus dem Ausland, für ausreichend erklärt und damit dem umstrittenen Atommeiler die letzte, schwache Legitimationsbasis entzogen.
    Nun hatte er in der Sache ja wohl recht; und seiner inneren Überzeugung entsprach der Verzicht, wie Gundelach wußte, schon lange. Aber der Anschein, auf Monrepos werde in einer hochkomplizierten Angelegenheit nebulös wie auf dem Dreifuß des delphischen Orakels geweissagt, führte zu der bei Orakeln üblichen Verwirrung und befriedigte niemanden – außer diejenigen, die sich in ihrer Vermutung bestätigt sahen, daß Specht vor lauter bundespolitischen Ambitionen schon nicht mehr wisse, was im engen Geviert des Landes los sei.
    Dem entgegenzutreten, war überlebenswichtig. Die Landtagswahl des nächsten Frühjahrs warf ihre Schatten. Meinungsumfragen sahen die CDU bei etwa fünfzig Prozent. In jedem Fall würde es eng werden.
    Die Leute erwarten, daß ich mich wieder mehr ums Land kümmere, sagte Specht in einer Abteilungsleiterrunde. Im Rahmen seiner Möglichkeiten war das die stärkste Form der Selbstkritik, die ihm zu Gebote stand.
    Also nahm er die ungeliebten Kreisbereisungen wieder auf und kümmerte sich.
    Eine Luft- und Raumfahrtfirma geriet in den Sog interner Zwistigkeiten der Gesellschafterfamilie. Specht führte Gespräche mit dem einen Familienstamm, der Wirtschaftsminister verhandelte mit dem anderen, und jede Seite ließ die Politik wissen, daß Hilfen des Landes für die Verwandtschaft als unfreundlicher Akt gewertet würden. Specht fühlte sein Managementtalent herausgefordert und warb bei den Freunden Kiefer und Reuter für eine industrielle Beteiligung der Daimler Benz AG. Die Angelegenheit zog sich jedoch in die Länge, und vorerst war nicht zu erkennen, daß die Spechtsche Unternehmensberatung bei den Betroffenen auf große Begeisterung stieß. Aber die Region erlebte einen um ihre Nöte besorgten Landesvater, und darauf kam es zunächst an.
    Einem anderen Landstrich bereitete seine geografische Randlage Kummer. Der Fördertopf der Hauptstadt war zu fern und Bayern zu nah, beides tat strukturpolitisch nicht gut. Specht besuchte die periphere Metropole und traf auf einen Universitätsrektor, der seine Psyche offenbar meisterhaft kannte. Der Professor zauberte einen Plan ›Universität 2000‹ aus dem Hut, solchermaßen Weitsicht und Werbesinn demonstrierend, und bat um ein paar außeruniversitäre Forschungsinstitute, an denen es, weil die Rahmenbedingungen unzureichend seien, mangele.
    Specht versprach Abhilfe, doch reifte in ihm schon ein viel größerer Gedanke: Er wollte eine ganze Wissenschaftsstadt bauen und auf diese Weise vor der weißblauen Haustür Wirtschafts- und Forschungspolitik modellhaft miteinander verschmelzen. Universität und Industrie sollten ein deutsches Silicon Valley bekommen, in dem jeder von jedem profitierte und die Professoren von Patent zu Patent eilten. Später merkte man allerdings, daß die Unternehmen zuvörderst von der Furcht geplagt wurden, daß jeder dem anderen etwas klauen könnte.
    So waren Oskar Spechts Tage randvoll ausgefüllt, wie es seine Richtigkeit hatte, und erst im November fragte er, scheinbar beiläufig: Was macht eigentlich das Buch? –
    Es wird, sagte Gundelach und errötete.
    Tatsächlich aber war immer noch nichts geschehen, um das mainfränkische Könnte, Sollte, Müßte wenigstens fragmentarisch zu konkretisieren. Jetzt rückte schon Spechts Allgäuer Urlaub nahe, und Gundelach spürte, daß er das Spiel, scheinbar auf Gedankenskizzen oder gar Kapitelentwürfe aus der Feder des Ministerpräsidenten zu warten, nicht mehr lange fortsetzen durfte. Wollte er nicht riskieren, daß Specht lieber das ganze Vorhaben hinschmiß als weiter auf die Güte seines Ghostwriters zu hoffen (was er

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