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Monrepos oder die Kaelte der Macht

Monrepos oder die Kaelte der Macht

Titel: Monrepos oder die Kaelte der Macht Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Manfred Zach
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ihm, schon des Gesichtsverlusts gegenüber dem Spiegel wegen, nie verzeihen würde), mußte er endlich mit der Arbeit beginnen.
    Also richtete er sich zu Hause ein neues Schreibnest ein und versuchte als erstes, Ordnung in seine Gedanken zu bringen.
    Was wollte er? Er wollte einen Gesellschaftsentwurf liefern, in dem die großen, kollektiven Blöcke – Arbeit gegen Kapital, Natur gegen Technik, Interessengruppen gegen Staat – als historische Relikte der ersten Industrialisierungswelle erklärt und Wege zu ihrer Überwindung aufgezeigt wurden. Er wollte zeigen, daß dies mit Hilfe der neuen industriellen Revolution, der Mikroelektronik, möglich sein mußte, weil dieser Technik ungeahnte Flexibilisierungschancen innewohnten; daß man aber, um diese Chancen wirklich zu nutzen, den Chip und den Computer nicht bloß als irgendeine erfolgreiche Erfindung, sondern als historische Korrektur der individuellen Beeinträchtigungen der ersten, elektromechanischen Industrialisierung zu begreifen hatte.
    Und auch dies war noch nicht genug. Erst wenn man verstand, daß die gegenwärtige Erstarrung, die Krise der großen Organisationen, die Entfremdung von Mensch und Arbeit, das folgerichtige Ergebnis einer bestimmten industriellen Produktionsweise waren, konnte man den Blick dafür gewinnen, daß eine grundlegend anders funktionierende, auf Netzwerke und materielose Informationen aufbauende Technik auch grundlegend andere politische und soziale Strukturen hervorbringen mußte. Überspitzt gesagt: Die Dinosaurier und Leviathane, die großen Konzerne, Parteien, Staatsgebilde würden verschwinden oder in kleinere Einheiten zerfallen, der regionale, wirtschaftliche und soziale Selbstorganisationsgrad würde zunehmen.
    Gab es dafür nicht schon Anzeichen? Wiesen nicht die naturwissenschaftlichen und philosophischen Diskussionen um Wechselwirkungen, Interdependenzen, wies nicht der globalethische Ansatz eines Hans Jonas, ja wies nicht auch die zunehmende Schwäche des Zentralstaates und der hierarchischen kirchlichen Instanzen in diese Richtung? War also ›das Ganze‹ ein Werk der Evolution, der Menschheitsentwicklung, eine Fortsetzung der Aufklärung, oder, da es doch ohne Zweifel von einer veränderten ökonomisch-technischen Basis seinen Ausgang nahm, ein Marxismus ohne kommunistische Ideologie?
    Fröhliche Weihnachten! dachte Gundelach und beschloß, spätestens an dieser Stelle einzuhalten und an die Stelle der staatlichen und kirchlichen Aushöhlung den von Specht gewünschten Überbau einer Versöhnungsgesellschaft zu setzen, der sich ja, bei gutem Willen aller Beteiligten, immerhin als denkbare, optimistische Variante begründen ließ.
    Das war die große, die aufregende (jedenfalls ihn regte sie auf) Idee: daß es eine Parallelität gebe zwischen dem, was der menschliche Geist erfunden hatte, indem er sich auf das elektronische Schaltsystem Null und Eins und auf den unscheinbaren Werkstoff Silicium besann, und dem, was ganz andere Denker, Nichttechniker vermutlich, postulierten – die neue Verantwortung des einzelnen. Und daß beides sich zu einer Einheit verknüpfen ließ, nicht zu einer zufälligen, sondern zu einer, die in der Geistesgeschichte bereits angelegt und durch den mechanistischen Zerlegungsprozeß des letzten Jahrhunderts wieder verloren gegangen war.
    Ja, und dann wollte er noch ein wenig polemisieren: gegen stumpfsinnige politische Konfliktrituale, gegen das überhand nehmende Denken in Wahlzyklen, gegen grämliche intellektuelle Zukunftsängste, die sich am Orwell-Jahr 1984 berauschten, und mit besonderem Vergnügen gegen tumbe Bonner Es-geht-wieder-aufwärts-Parolen – letzteres natürlich so, daß die Zielperson nicht allzu deutlich erkennbar wurde.
    Gundelach seufzte, als er das erste Blatt in die alte Schreibmaschine einspannte, auf der er schon als Student zu Heidelberg Pamphlete getippt hatte. Daran durfte er nun allerdings nicht denken. Das waren denn doch Traktate anderen Zuschnitts gewesen. Dennoch war es nicht nur ein erwartungsvolles, sondern auch ein erinnerungsschweres Seufzen; eines, das bei den ersten Zeilen, die er herunterklapperte, die Befriedigung nicht ganz zu unterdrücken vermochte, damals ein paar versprengte Kommilitonen und jetzt, fünfzehn Jahre später, Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin als Multiplikator an seiner Seite zu wissen.
    Das war doch etwas! Das konnte sich als Aufstieg doch sehen lassen, auch wenn sein Name nicht erscheinen durfte! Aber war es seinerzeit

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