Monrepos oder die Kaelte der Macht
einiges im Ministerium ändern, ich brauch nur noch Zeit, es umzusetzen. Den Tom mußte ich zum Staatssekretär machen, das hätte sonst seine Position bei den Journalisten untergraben, die ist sowieso angekratzt. Aber die Sache hat einen Riesenvorteil, und deswegen hab ich’s eigentlich gemacht: Wir können jetzt die Aufgaben viel klarer zuordnen wie früher. Der Tom macht das, was er kann, Kontakte pflegen, den Pressebereich abdecken, und er wird mich von vielen Pipifaxterminen entlasten. Aber als Staatssekretär darf er ja keine Abteilung mehr führen, und deshalb können wir den ganzen Bereich neu ordnen. Ich denke daran, mittelfristig, also sagen wir ungefähr Mitte nächsten Jahres, die Pressearbeit und den Grundsatzbereich völlig zu trennen. Dann hört dieser Mischmasch aus kurz- und langfristigem Arbeiten endlich auf, und Sie können sich ganz dem Konzeptionellen widmen und haben viel mehr Freiraum wie jetzt. Und außerdem setze ich ein Signal nach außen, woraufs mir wirklich ankommt.
Da war sie also, die Zuckerstange. Doch hielt Specht sie so hoch, daß nicht einmal die Zunge eines Chamäleons lang genug gewesen wäre, an ihr zu lecken.
Und wie läuft es bis dahin? fragte Gundelach.
Naja, sagte Specht eine Spur kühler und lehnte sich wieder zurück, zunächst mal müssen wir die alte Struktur noch beibehalten. Ich muß das erst mal von der Spitze her ordnen, nicht wahr? Also, den Drautz schicke ich nach Bonn als Leiter unserer Landesvertretung, das macht hier keinen Sinn mehr. Aber in Bonn ist er mit seiner Art genau der Richtige, zumal die Gerlinde ja ausscheiden wird –.
Was ist in den letzten Monaten alles an dir vorbeigegangen! dachte Gundelach bestürzt. Wo hast du gelebt? In Utopia?
… und Olbrich in seiner Doppelfunktion als Justiz- und Bundesratsminister nicht die Zeit haben wird, sich bei jedem Stehempfang und auf jeder Gartenparty in Bonn blicken zu lassen. Aber Drautz schafft das locker, und er kriegt noch den Titel Staatssekretär, das erleichtert sein Entrée. Es ist schon wichtig zu wissen, was in Bonn so geschwätzt wird, bei der bundespolitischen Position, die ich mittlerweile habe!
Gewiß, sagte Gundelach und dachte: Wiener hat wirklich ganze Arbeit geleistet, während ich durch den Garten des Menschlichen lief und träumte. ›Der Garten des Menschlichen‹ hieß ein Buch Carl Friedrich von Weizsäckers, auf das er aufmerksam geworden war. Der Titel hatte ihn an seine kurze, unproduktive Sommervakanz im Freien erinnert, in der er sich den Menschen, mit denen er sonst auf wenige Wochenstunden zusammengedrängt lebte, so nah gefühlt hatte wie nie. Im Winter las er das Buch dann und hütete die Erkenntnisse seiner klugen, skeptischen Analysen aus dem Grenzland von Religion, Wissenschaft und Politik wie ein Geheimnis.
Jetzt fiel es ihm wieder ein, und er sah die Realität.
Für Drautz hole ich mir einen Ministerialdirektor von außen, beschloß Specht seinen Überblick, als reinen Administrator. Da muß ich noch Gespräche führen. Dann gibt es auch keine Überschneidungen mehr zwischen Staatssekretär und Verwaltungsspitze. Und wenn sich das ganze eingespielt hat, gehen wir an die nächste Stufe.
Und wer wird Wieners Nachfolger als Abteilungsleiter? fragte Gundelach. Er bemerkte wohl, daß seine Penetranz Specht mißfiel. Aber, dachte er, der Garten ist jetzt wieder geschlossen. Von außen.
Ach, Sie wissen doch, wie die Situation momentan ist, sagte Specht mißmutig. Schieborn ist mit dem Landesmediengesetz immer noch nicht fertig, und bis er zum Geschäftsführer der Kommunikationsanstalt bestellt werden kann, führt kein Weg an ihm vorbei. Er ist halt Leitender Ministerialrat und Sie sind’s noch nicht. Ich habe die Wartefristen und den ganzen beamtenrechtlichen Scheiß nicht erfunden. Wann sind Sie denn dran?
Nächstes Frühjahr, antwortete Gundelach wie aus der Pistole geschossen. Ein Beamter kennt seine Beförderungstermine.
Na also! rief Specht erfreut. Paßt doch alles! Dann werden Sie jetzt stellvertretender Leiter der Presse- und Grundsatzabteilung, und wenn Schieborn geht, das dürfte gerade so März, April 1986 sein, machen wir die Teilung in eine Grundsatzabteilung und eine Pressestelle, und Sie werden Abteilungsleiter Grundsatz und politische Planung. Zufrieden?
Ja, sagte Gundelach. Vielen Dank.
Erst abends, als er allein in seinem Zimmer lag und vor Erregung nicht einschlafen konnte, merkte er, daß er nicht nur seiner künftigen Ernennung, sondern auch der
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