Moorehawke 01 - Schattenpfade
geben, darauf hinzuweisen, was für treue, standhafte und ehrliche Männer ihr alle seid.«
Mit tränenfeuchten Augen nickte der alte Mann. »Ich danke Euch, Herr. Meine Jungen …«
Lorcan fiel ihm scharf ins Wort. »Aber versteht auch – ich kann keine Narren beschützen. Ihr müsst sie zügeln, Pascal. Ihr müsst Eure Lehrlinge und deren Freunde und Verwandte zur Ordnung rufen. Sonst wird unschuldiges Blut fließen, wie man es seit der Zeit unserer Großväter nicht mehr erlebt hat. Und falls das geschieht, werde ich mich von Euch lossagen und Euch ohne einen einzigen Blick zurück Eurem Schicksal überlassen.« Er sah ihm geradewegs in die Augen. »Habt Ihr das verstanden?«
»Ja, Herr«, murmelte Pascal. »Ich verstehe.«
»Dann geht jetzt an Eure Arbeit.«
Der alte Mann erhob sich, ging davon und machte sich wieder an jenem letzten Schnitzbild zu schaffen, das Lorcan nicht zu Ende gebracht hatte.
Eine lange Weile blieb Lorcan ganz still sitzen, den Kopf gesenkt, die Hände auf den Stuhllehnen. Wynter wartete geduldig. Endlich raunte er, ohne den Blick zu heben oder sich zu bewegen, nur für Wynters Ohren hörbar: »Sind alle beschäftigt?«
»Ja«, flüsterte sie, nachdem sie einen Blick auf die eifrig abgewendeten Jungen geworfen hatte. Lorcan rutschte ein
Stück nach vorn, so dass sie ihm die Hände unter die Ellbogen schieben konnte, während er schmerzgepeinigt auf die Füße kam.
Noch einmal sah sich Wynter prüfend um, doch keiner der Lehrlinge hob den Blick oder wandte den Kopf von seiner Arbeit ab. Selbst als Lorcan ins Schwanken geriet und sie ihn auffangen und stützen musste, bis er den ersten Schritt wagen konnte, blieben alle Augen taktvoll gesenkt. Solches Feingefühl war ungewöhnlich für eine Gruppe junger Burschen. Wynter fragte sich, ob Achtung oder Selbstschutz dahintersteckte. Vielleicht fühlten sie sich sicherer, je weniger sie wussten, und bewahrten sich dadurch vor der Erkenntnis, dass ihre ganze Hoffnung auf Lorcans gebeugten Schultern lag.
Ein neues Quartier
D er Weg zurück war furchtbar. Lorcan meisterte die kurzen öffentlichen Abschnitte mit stoischer Ruhe, doch es kostete ihn ungeheure Kraft. Seine Finger gruben Striemen in Wynters Schulter, immer schwerer stützte er sich auf sie. Als sie schließlich die geheimen Gänge und stillen Passagen im Keller erreicht hatten, holten ihn Schmerz und Hilflosigkeit ein. Er stöhnte, und hin und wieder ächzte er: »O Gott. Gott, steh mir bei. Ich kann das nicht. Ich kann einfach nicht.«
Wynter taumelte mit ihm weiter, voller Angst, er könnte einfach zu Boden stürzen. Wie sollte sie ihm aufhelfen? Er durfte nicht hier sterben – verängstigt, Kälte und Dunkelheit ausgeliefert, ohne echte Hilfe oder auch nur eine Kerze, um ihm gegen die nahenden Schatten des Todes Beistand zu leisten.
»Halt durch«, spornte sie ihn an, »halt durch!« Irgendwie blieb er auf den Beinen, bis sie vor einer kleinen Tür anhielten. Gleich mussten sie eine letztes Stück Weg unter fremden Blicken überstehen, um den Gang zu ihren Gemächern zu erreichen.
Lorcan lehnte den Kopf an die Tür. »Wynter«, krächzte er. »Wyn…«
»Wir sind beinahe da! Bitte! Du schaffst das!«
Er wandte ihr den Kopf zu und sah sie im Dämmerlicht an. Ich kann nicht mehr, sagte seine Miene. Ich bin am Ende meiner Kräfte. Weiter kann ich nicht mehr .
»Wenn wir in deiner Kammer sind«, versprach sie, »darfst du etwas von dem Haschisch nehmen! Du darfst auf dem Bett liegen! Vater! Du kannst den Rest des Tages und die ganze Nacht schlafen. Klingt das nicht wundervoll?«
Er atmete tief ein, stieß sie unvermittelt etwas von sich weg und lehnte sich stattdessen mit zitternden Beinen an die Wand. Dann ließ er sie ganz los, versuchte, sein Gleichgewicht zu finden. Er legte den Kopf schief. »Hol Christopher. Rasch. Ich kann mich nicht mehr lange auf den Beinen halten …«
In den Fluren vor ihrem Quartier wimmelte es vor Dienstboten, die kamen und gingen. Sie trugen Sachen fort – Razis Sachen. O Gott! Innerlich schrie Wynter. Was nun? Unbeirrt drängte sie sich an den hastenden Pagen und Dienstmädchen vorbei, die stapelweise Bücher, wissenschaftliches Gerät und Kleider schleppten, und schlängelte sich weiter bis vor die Tür zu Razis Gemächern, hinter der sich Christopher befinden musste.
Tatsächlich lehnte er mit verschränkten Armen an der gegenüberliegenden Wand des Empfangsraums und betrachtete niedergeschlagen, wie sich die Räume leerten. Als
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