Morbus Dei: Im Zeichen des Aries: Roman (German Edition)
Bäume atmen. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen – geschweige denn ein Wagentreck oder dessen Spuren.
„Das kann nicht sein“, sagte Hans. „Der Trunkenbold hatte mir versichert, dass –“
„Jetzt hör mal einer den an!“, unterbrach ihn Karl. „Ein Trinker wird dir für ein paar Gulden sogar schwören, deine schwindsüchtige Schwester zu sein, du Narr!“
„Ach ja? Dann geh du doch das nächste Mal Auskunft einholen!“ Hans gab Karl einen Stoß gegen die Brust, dass dieser fast vom Pferd rutschte.
Karl packte Hans wütend am Mantelaufschlag, zog ihn so nah zu sich, dass sich ihre Nasespitzen beinahe berührten und hob die Faust.
„Ruhe, verdammt noch mal!“
Die beiden hielten inne, der Preuße hob den Zeigefinger und lauschte in Richtung des Weges, den sie gekommen waren.
Hans und Karl ließen voneinander ab und blickten ebenfalls zurück. Jetzt hörten es alle: ein leises Knattern, das sich im Echo verlor.
„Schüsse.“ Johann suchte fieberhaft das Dickicht aus Baumwipfeln ab – nichts.
Wir werden sie nicht finden.
„Das kann weiß Gott was sein, vielleicht Jäger“, sagte der Preuße und legte Johann die Hand auf die Schulter. „Wenn sie noch nicht hier waren, werden sie über den Pass kommen. Es gibt keinen Schleichweg.“
„Bis dahin ist es zu spät. Ich hab ein verdammt mieses Gefühl“, entgegnete Johann und rutschte angespannt in seinem Sattel hin und her. „Wir waren zu schnell, womöglich haben wir etwas übersehen.“
„Ja, du könntest recht haben. Lasst uns zurückreiten und Augen und Ohren offen halten. Markus, du bleibst hier.“ Dieser nickte dem Preußen zu. „Sollte der Treck, warum auch immer, trotzdem hier entlangrollen, dann gib einen Schuss ab, zähl im Stechschrittrhythmus bis dreißig, während du neu lädst, dann feuere nochmals.“ Markus nickte erneut.
„Wir verlassen uns auf dich“, schloss der Preuße seine Anweisungen.
Der Kampfeslärm war verklungen, Elisabeth öffnete die Augen und konnte kaum glauben, welch entsetzliches Bild sich ihr bot: Rund um die Wägen lagen reglose Leiber verstreut, nur zwei Söldner und Gamelin standen noch aufrecht.
Die beiden Söldner begannen, von Körper zu Körper zu gehen. Dort, wo das Leben sich noch mit letzter Kraft an eine sterbliche Hülle klammerte, beendeten sie es mit einem Dolchstich.
„Gamelin hat überlebt.“ Elisabeth konnte es nicht fassen.
„Natürlich“, sagte Alain knapp. „Männer wie er überleben immer.“
„Und jetzt?“
Alain überlegte, plötzlich näherten sich Schritte. „Runter!“, zischte er.
Elisabeth legte ihren Kopf auf den Blätterboden, drückte sich fest an das Erdreich und konnte nur erahnen, wie nahe die Schritte waren, die sich an ihnen vorbei der Lichtung näherten.
Sie presste die Augen zusammen und begann, still ein Vaterunser zu beten.
„Was ist denn hier los?“, wollte einer der vier Bauern wissen, die mit selbstgezimmerten Waffen in den Händen auf die Lichtung schritten. Hinter ihnen postierten sich zitternd zwei junge Burschen und umklammerten ängstlich ihre Heugabeln.
Die drei Männer drehten sich überrascht um. Gamelin wagte nicht zu sprechen, da er wusste, dass sein französischer Akzent den Tod bedeutete. Die hiesige Landbevölkerung war in etwa so frankophil wie der englische König.
„Wir sind in einen Hinterhalt geraten“, erklärte Gamelins Adjutant Frédéric mit Wiener Dialekt, „und ihr seid zu spät zur Unterstützung gekommen, der Kampf ist vorbei. Habt trotzdem Dank.“
„Na dann“, sagte der Bauer und senkte seinen mit Eisenspitzen gespickten Dreschflegel. „Und wer sind die?“ Er deutete auf die vielen Toten.
„Das geht euch nichts an“, sagt Frédéric barsch. „Geht zurück an eure Arbeit, oder wollt Ihr, dass ich eurem Landesherrn Meldung erstatte?“
Der Bauer salutierte zynisch. „Dann grüß Gott, die hohen Herren.“ Er und die anderen machten kehrt und gingen auf den Wald zu.
Gamelin, Frédéric und der Söldner atmeten erleichtert aus. „Alors, Maréchal –“ setzte der Söldner unbedacht an. Frédéric machte eine wütende Handbewegung, Gamelin erstarrte innerlich.
Einer der Bauern drehte sich um. „Franzosenpack?“ Wie auf Kommando stürmten die Bauern mit gezückten Waffen auf die Söldner zu.
Gamelin wusste, dass die Zeit des Kampfes vorbei und die der Flucht gekommen war. Ohne von seinen Männern Notiz zu nehmen, rannte er in den Wald davon und verschwand im Unterholz.
Frédéric
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