Nachtflug Zur Hölle
Litauen an Bord.
Als Truppentransporter dienten vier Hubschrauber Sikorsky CH-53E Super Stallion mit dem Rufzeichen »Manta«. Zwei »Echos«, wie der Spitzname der riesigen Zwanzigtonner lautete, beförderten je 50 Marines und sechs Mann Besatzung: Pilot, Copilot, Flugingenieur und drei MG-Schützen mit 7,62-mm-Miniguns an den offenen Türen. Die dritte CH-53E hatte statt Soldaten fast 15 Tonnen Nachschub für die Marines zur Verstärkung der Botschaftswache an Bord, und die vierte Super Stallion transportierte drei große Treibstoffbla-290
sen mit je 6000 Liter Kerosin. Die vier Hubschrauber CH-53E konnten selbst im Tiefflug oder unter Beschuß mit einem aus Deutschland kommenden Tankflugzeug KC-130 des Marine Corps in der Luft betankt werden.
Major Richard »Boxer« Jurgensen, der Kommandeur des ganzen Unternehmens, und drei Offiziere aus seinem Stab befanden sich an Bord der ersten Super Stallion. Jurgensen, ein großer, schlaksiger Veteran mit über 15 Dienstjahren im Marine Corps, befehligte nach zahlreichen Amphibienlandungen erstmals ein Unternehmen mit Hubschraubern. Er hielt nicht viel von Sondereinsätzen der Marines und befürchtete, das Geheimunternehmen drüben im Fisikus-Institut könnte ihn bei seinem eigentlichen Auftrag – Evakuierung von Amerikanern und Verstärkung der Botschaftswache – behindern.
Die schnelleren Flugzeuge erreichten Wilna etwa zehn Minuten vor den Hubschraubern. Das Gunship AC-130 Spectre begann sofort einen Angriffskreis mit vier Kilometer Radius zu fliegen, in dessen Mittelpunkt die US-Botschaft im Nordwesten der Stadt lag.
Der Botschaftskomplex zwischen Vytauto-Avenue, Tarybu-Avenue, Ziugzdos-Avenue und dem Fluß Wilija war mühelos zu orten, weil die Marines auf den Gebäudedächern große Radarreflektoren aufgestellt hatten. Die Sensoroperatoren der AC-130 fingen an, die bekannten Standorte von GUS-Truppen und weißrussischen Einheiten zu überwachen, und speicherten alle neuen Ziele im Feuerleitcomputer. Da der Computer bereits mit den Ergebnissen der Satellitenüberwachung des Stadtgebiets gefuttert worden war, hätte der Waffenoperator seinen Angriff mit einem einzigen Knopfdruck beginnen können.
Der Zeitplan wurde sehr genau eingehalten: Sobald die AC-13O und ihre beiden Begleitjäger über Wilna kreisten, begann die MC-13O COMBAT TALON ihren Überflug. Sie flog von Nordwesten an, kurvte ein und ging über der Paribio-Avenue auf Ostkurs – von der US-Botschaft weg. Danach flog die MC-130 fast zwölf Kilometer weit parallel zur Wilija, die durch den Norden der Stadt fließt, legte sich hinter dem Sportpalast in eine enge Kehrtkurve und steuerte nun den Botschaftskomplex an, Aufnahmen von Aufklärungssatelliten KH-12 hatten gezeigt, daß die GUS-Truppen beiderseits der Dser-schinski-Avenue – der großen Nord-Süd-Ausfallstraße am Stadtrand – konzentriert waren, und die Besatzung der MC-130 hoffte, daß zwei Überflüge aus wechselnden Richtungen sie verwirren würden.
Die MC-130 dröhnte aus Nordosten im Tiefflug über die Freihandelszone »Stadt des Fortschritts«« hinweg auf den Botschaftskomplex zu, der vor der Südwestecke dieser Zone am Wilija-Ufer lag. Über der Lvovo-Avenue am Nordrand der Freihandelszone öffnete die MC-130 ihre Heckrampe; ab der Ukmerges-Avenue warfen Besatzungsmitglieder große Fallschirmbehälter mit Verpflegung, Wasser, Nachschub und Waffen ab. Einige Behälter landeten in Bäumen oder auf Hausdächern, aber die weitaus meisten trafen das parkartige Gelände um die Villa des Botschafters. Aus der Luft war zu beobachten, wie die Behälter sofort geborgen wurden.
Als nächstes waren die Botschaftswache und Angehörigen des Botschaftspersonals im Einsatz. Während die Marines die Landezone sicherten, kennzeichnete das Botschaftspersonal zwei Landeplätze mit Infrarotmarkierungen, die nur mit Nachtsichtgeräten erkennbar waren. Die übrigen CH-53E kreisten in der Nähe, als die erste Super Stallion mit Major Jurgensen, seinem Stab und 50 Marines dort aufsetzte. Der Major sprang aus seinem Hubschrauber und trabte über den Rasen zur Freitreppe der Botschaftervilla, auf der sich eine kleine Gruppe versammelt hatte, Manta Three landete nur wenig später.
»Wo ist der Botschafter?« schrie Jurgensen laut, um den Hubschrauberlärm zu übertönen.
»Hier!« antwortete eine Stimme. Botschafter Lewis K. Reynolds, ein stämmiger, untersetzter Schwarzer mit Schnauzbart und randloser Brille, trat auf den Offizier zu. »Freut mich, daß
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