Nachtsafari (German Edition)
sie.« Er ging ins Haus und kam mit der entfalteten Karte zurück.
»Hier, wir verlassen Umfolozi am Nyalazi Gate, da, wo wir hineingekommen sind, und wie du dich erinnern wirst, ist das vielleicht vierzig Minuten von Mpila entfernt. Dann fahren wir auf der Straße, die Umfolozi von Hluhluwe trennt, nach Ngoma, wo wir hoffentlich eine anständige Unterkunft finden.« Er fuhr die Route mit dem Finger nach. »Von da aus geht es auf Schotter straßen zur Mine, hat Rob gesagt. Wenn wir mit der Sonne aufstehen und hier gleich nach dem Frühstück losfahren, brauchen wir uns nicht zu hetzen und können unterwegs anhalten, wenn es etwas Interessantes zu sehen gibt. Einheimische Märkte zum Beispiel. Okay?«
Silke nagte an ihrer Unterlippe. Am liebsten hätte sie Umfolozi auf der Stelle verlassen, und auf keinen Fall würde sie noch zwei Nächte in dieser Wildnis verbringen. Energisch schüttelte sie den Kopf. »Keine zehn Pferde werden mich dazu bringen, noch bis übermorgen … Warte mal, mir fällt da gerade etwas ein. Diese Jill hat uns doch auf ihre Wildfarm eingeladen – erinnerst du dich, oder ist das im Alkoholnebel untergegangen?«, setzte sie spitz hinzu.
»Dunkel. An sie erinnere ich mich. Sie war sehr hübsch, das weiß ich noch«, neckte er sie und wich lachend ihrem spielerischen Boxhieb aus.
»Also dann fragen wir bei ihr auf der Stelle an, ob sie ab morgen früh noch ein freies Zimmer oder einen Bungalow hat. Von dort ist es bestimmt nicht weiter zur Mine als von hier aus. Oder?«
»Da hast du recht« sagte er nach kurzem Überlegen. »Es ist sogar näher. Aber das wird nichts für dich ändern. Wenn du dem Wildreservat entkommen willst, darfst du Inqaba nicht besuchen. Auch da gibt es die Big Five. Löwenrudel, eine Elefantenherde, Büffel, Nashörner und ungewöhnlich viele Leoparden. Und jede Menge Hyänen und Schlangen.«
»Kann sein«, fiel sie ihm ins Wort, »aber so teuer, wie es da offenbar ist, werden die sicher Besucher besser bewachen. Tote können ihre Rechnung nicht mehr bezahlen. Hluhluwe gehört zu den staatlichen Wildparks, da arbeiten nur Angestellte. Jill ist Eigentümerin, die wird sich anders um ihre Gäste kümmern.« Sie zog ihr Mobiltelefon aus der Tasche ihrer Shorts, rief Jills Nummer auf und reichte es ihm. »Hier, ruf du sie an. Dein Englisch ist besser als meins.« Was zwar nicht stimmte, aber er überließ immer ihr die privaten Anrufe, jetzt sollte er das auch einmal erledigen.
Mit deutlichem Widerwillen nahm er den Apparat. »Die sind komplett ausgebucht, hat Jill gesagt«, gab er zu bedenken.
Sie verdrehte die Augen. »Sie hat uns eingeladen. Versprüh eben großzügig deinen Charme. Das wirst du doch schaffen.«
Marcus seufzte ausdrucksvoll und ging ein paar Schritte abseits, bekam Jill Rogge offenbar gleich an den Apparat. »Jill, hier ist Marcus Bonamour. Der Typ, der sich gestern Abend so danebenbenommen hat …« Einige Minuten lachte und scherzte er mit seiner Gesprächspartnerin, dann legte er mit einem zufriedenen Grinsen auf und hob den Daumen. »Alles in Ordnung. Ab morgen hat Jill nicht nur einen Bungalow für uns, sondern hat uns eingeladen, nachmittags mit ihr ins Gelände zu fahren. Wahnsinnig nett, nicht?«
»Wahnsinnig«, gab sie wenig begeistert zurück. »Aber ins Ge lände? Das kann ich auch hier haben. Darüber reden wir noch. Mir schwebt eigentlich ein Nachmittag am Pool vor, in der einen Hand einen Champagner, in der anderen etwas Leckeres zu essen.«
Marcus ließ seine Schultern mit offensichtlicher Erleichterung nach vorn fallen. »Das wird sich wohl arrangieren lassen. Sowohl einen Pool wie Champagner wird eine Lodge wie Inqaba im Angebot haben. Dazu braucht man nur eine fette Kreditkarte. Zufrieden?«
Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen blickte sie ihn an. »Sekt tut’s auch.«
»Ach, wir werden schon überleben, mach dir keine Sorgen«, sagte er leichthin. »Schau lieber mal, was da drüben los ist!« Er deutete mit dem Daumen aufs Nachbarhaus.
Silke drehte sich um. An dem Bungalow, dessen Bewohner vor ein paar Minuten weggefahren waren, turnte eine Gang von min destens einem Dutzend Meerkatzen herum, offensichtlich auf der Suche nach einer Möglichkeit, ins Innere zu gelangen. Sie rüttelten an Fenstergriffen, zogen an der Tür, bohrten ihre dünnen Finger in jede Lücke, und es dauerte nur Sekunden, bis einer entdeckte, dass das Toilettenfenster nicht ordentlich geschlossen war. Mit erstaunlicher Kraft drückte der Affe es
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