Nackt in der Zwangsjacke
was geschieht mit ihr,
wenn ich’s lasse ?«
»Nichts weiter. Chuck will nur
mit ihr sprechen .«
»Rick ?« flehte Marian mit verzweifelten Augen, »kannst du denn nichts tun?«
»Das mit dem Messer in deinem
Kreuz stimmt ?«
»Es stimmt, und wie !« Sie schluckte trocken.
»Dann kann ich nichts tun«,
meinte ich liebenswürdig.
»Sie sind ein kluger Mann, Mr.
Holman«, lobte Carl. »Und jetzt entschuldigen Sie uns bitte. Wir gehen
rückwärts aus dem Zimmer. Und bitte versuchen Sie keine nachträglichen
Heldentaten, wenn wir gegangen sind, denn das wäre eitel Verschwendung und für
die Dame ganz unnötig qualvoll .«
Sie wichen durch die Tür
zurück, und ein paar Sekunden später hörte ich die Haustür zufallen. Ich trat
rechtzeitig genug ans Fenster, um sie noch die Treppe draußen hinabsteigen zu
sehen; dann gingen sie über den Bürgersteig zu einem grauen wartenden Wagen.
Von meinem Platz aus konnte ich den Fahrer nicht sehen. Wenige Sekunden später
saßen Carl und Marian im Fond, und das Auto fuhr ohne Hast davon. Das
Nummernschild war sorgfältig mit Schlamm verschmiert worden. Ich sah dem Wagen
nach, bis er aus meinem Blickfeld verschwand, und beschloß dann, etwas
Positives zu tun, schon aus Pietät der ewiggeliebten Marian Byrnes gegenüber.
Also begann ich mit einer gründlichen Durchsuchung ihres Hauses.
In einer Kommodenschublade fand
ich ein Foto, das mir vielversprechend aussah: das Porträt eines
vierschrötigen, blonden Mannes mit kurzem Haar, tiefliegenden, wachsamen Augen
und einem breiten Grinsen. Er war wie ein Athlet gebaut und hatte erst einen
leichten Fettansatz. Am unteren Rand stand in kindlicher Handschrift die
Widmung: »Für Marian, zur Erinnerung an die schöne Zeit in Venice ,
Vegas und Malibu — Chuck .«
Mir fiel ein, daß der anonyme
Anrufer letzte Nacht an Amanda Warings Telefon
dieselben Ortsnamen erwähnt hatte. War es vielleicht eine schicke Party
gewesen, an der sie alle teilgenommen hatten: Amanda, Marian, Chuck, Carl, Otto
und Cassie? Würde einen netten Rolltitel abgeben, überlegte ich. Aber es bewies
nur einmal mehr, daß man keinem trauen konnte, nicht mal einer Frau, die als
Duschhilfe hart arbeitet. Der Rest meiner Suche brachte keinerlei interessante
Ergebnisse mehr, höchstens vielleicht die Gewißheit, daß Marian eine Vorliebe
für ausgefallene Unterwäsche hatte. Ich wollte gerade gehen, als das Telefon
klingelte.
»Hier die Ex-Wohnung von Marian
Byrnes«, meldete ich mich formvollendet.
Das provozierte aber nur ein
ärgerliches Grunzen am anderen Ende der Leitung. »Holman?«
»Richtig«, sagte ich. »Forest?«
»Diese dumme Kuh sollte Adams
doch ausrichten, mich sofort anzurufen«, wütete er. »Aber ich habe immer noch
nichts von ihm gehört .«
»Regen Sie sich ab«, riet ich.
»Solche Dinge brauchen eben ihre Zeit .«
»Verdammt, was soll das heißen ?«
»Chuck ist nicht gekommen, er
hat Carl als Ersatz geschickt«, berichtete ich. »Und Carl sagte, Chuck hätte
mit einer Falle gerechnet. Deshalb hat Carl Marian mit dem Messer abgeführt .«
»Sie wollen mich wohl auf den
Arm nehmen ?« Seine Stimme troff vor Argwohn.
»Nein, es stimmt«, beteuerte
ich. »Sie wurden zum letztenmal in einem grauen Auto
gesehen, das südwärts fuhr .«
»Und warum, zum Teufel, haben
Sie ihn nicht aufgehalten ?«
»Ich wollte nicht, daß Marian
für den Rest ihres Lebens mit einem Dolch in der Niere herumläuft«, sagte ich
wahrheitsgemäß. »Sie ist ein nettes Mädchen, auch wenn sie ein elend schlechtes
Gedächtnis hat .«
»Sie hätten ihn aufhalten
müssen !« schrie er in mein Ohr.
»Was kümmert Sie das ?« fragte ich. Im nächsten Augenblick hatte er eingehängt.
Ich verließ das Haus und ging
zu meinem Auto. Tief unten in Amanda Warings Bewußtsein vergraben lagen alle Antworten auf die Probleme.
Oder jedenfalls die meisten, hoffte ich. Also war das einzige, was ich zur Zeit tun konnte, sie wieder einmal zu besuchen. Die
Vorstellung versetzte mich nicht gerade in Begeisterung. Ich nahm Chucks Foto mit,
damit ich für die langweiligeren Perioden einen tröstlichen Anblick greifbar
hatte.
Eine halbe Stunde später
läutete ich an ihrer Wohnungstür und machte mich auf einen neuen Ansturm von
Hysterie gefaßt. Eine atemberaubend schöne Blondine öffnete mir kurz darauf die
Tür und lächelte mich warm und willkommen heißend an.
»Guten Tag, Mr. Holman«, sagte
sie. »Ich freue mich über Ihren Besuch. Ich trinke nämlich so ungern allein
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