Nette Nachbarn
ich kann mir nicht vorstellen, daß sie sich in Richmond oder
im Sunset niederlassen. Wäre das Tenderloin nicht der logische Ort für sie, um
sich zu verstecken?«
Loo zuckte mit den Achseln.
Ich fuhr fort: »Wenn sie nun im
Tenderloin an die Oberfläche gekommen wären und wenn einer der Bewohner des
Globe Hotels ihren Aktivitäten in den Weg gekommen ist...«
»Alles möglich.« Aber der Inspektor
bezweifelte das.
Ich dankte ihm, daß er mir seine Zeit
geopfert hatte, und versprach, alles Wichtige über Hoa Dinh und die bui doi zu berichten, das ich möglicherweise herausfinden würde. Am besten fing ich
wohl mit meiner Suche im Leben des toten Jungen selbst an. Sein bester Freund,
Duc Vang, sollte mir einige der wichtigsten Details liefern können.
Auf dem Weg zum Hotel fiel mir das
Laken wieder ein, das ich am Vortag in einem der Vorratsschränke im Keller
gefunden hatte. Als ich die Tüte, in der es steckte, das letztemal gesehen
hatte, hatte sie in der Nähe des Weihnachtsbaumes in der Eingangshalle
gestanden, dort, wo ich sie abgelegt hatte. Aber in all dem Durcheinander, das
auf das Eintreffen der Polizei gefolgt war, hatte ich sie vergessen. Ich
beschloß, das Laken zu suchen, damit ich es Duc zeigen konnte.
Aber als ich im Hotel eintraf, hängte
gerade Jimmy Milligan, der Poesieliebhaber, der sich am Tag zuvor gegen Bruder
Harry gestellt hatte, Schmuck an den neuen lebenden Baum. Es war eine billige
silber-goldene Kugel, und sie hob sich grell gegen den anderen handgefertigten
Schmuck ab, aber Jimmy schien das gar nicht zu bemerken. Mary Zemanek und die
beiden kleinen Vietnamesenkinder, die auch am Vortag bei ihr gewesen waren,
standen da und schauten ihm zu. Auch ihnen schien es nichts auszumachen, daß
dieser Schmuck nicht zu dem anderen paßte.
Als ich hereinkam, drehte sich Jimmy zu
mir um, deutete auf den Baum und sagte: »Verzeih, großer Feind... ohne einen
bösen Gedanken... haben wir unseren Baum hierher gebracht...«
»William Butler Yeats«, sagte ich.
Er lächelte mir traurig zu. »›Über eine
sterbende Frau‹. Als ihr Ende naht, bringen ihre Freunde ihr einen
Weihnachtsbaum. Und das ist auch gut so. Ist ja die Zeit. Der große Feind ist
natürlich der Tod...« Seine Stimme erstarb, und mit feuchten, braunen Augen
schaute er wieder zu dem Baum zurück, und sein Gesicht war so melancholisch wie
das eines Clowns. Ich fragte mich, wie die Szenen der Feiertage wohl aussehen mochten,
an die er sich erinnerte.
Mary Zemanek erklärte fröhlich: »Das
war sehr nett von dir, daß du die Kugel gebracht hast, Jimmy. Aber jetzt
solltest du lieber laufen.«
Der bärtige Mann riß sich mit Mühe aus
seinen Träumen, »...die silbernen Apfel des Mondes... die goldenen Apfel der
Sonne.« Bei diesen Worten berührte er sanft die Kugel. Dann ging er zur Tür.
Nachdem er fort war, fragte ich: »Was
hat das alles zu bedeuten?«
Mary Zemanek seufzte. »Dieses Gedicht —
mit den silbernen und goldenen Äpfeln darin — ist eines von Jimmys
Lieblingsgedichten. Er hat mir einmal das ganze Gedicht aufgesagt. Es handelt
von einem Mann, der einen Fisch fängt, der sich in ein Mädchen verwandelt und
vor ihm fortläuft. Sein Leben lang sucht er nach ihr.«
»Und findet sie nicht?«
»So sieht Jimmy es jedenfalls. Wer
weiß?« Sie machte eine Pause. Ihre blassen Augen blickten nachdenklich. »Wissen
Sie, als ich noch ein junges Mädchen war, habe ich auch Gedichte gelesen. Ich
habe eine Menge vergessen, aber an meinen Yeats erinnere ich mich. Einiges von
ihm ist einfach wundervoll, und ich kenne eine ganze Reihe der Gedichte, die
Jimmy rezitiert.«
»Tatsächlich?« Die plötzliche Sanftheit
in ihrer Stimme überraschte mich.
»Das, was er gerade zitiert hat — das
mit den Äpfeln — , ich habe immer gedacht, daß es Jimmys Leben beschreibt. In
der ersten Zeile geht es irgendwie darum, in den Wald zu gehen, ›weil ein Feuer
in meinem Kopf brannte‹. Ein Feuer, wie der Irrsinn in Jimmys Kopf. Und es
handelt von einer Suche, bloß in Jimmys Fall ist es die Suche nach einem Heim,
nicht nach einem Mädchen.«
Ich hatte nicht erwartet, daß sie so
verständnisvoll sein würde. »Vielleicht mag er es deshalb so gern.«
»Vielleicht.« Dann sah sie mich
neugierig an. »Wie heißt diese Rechtsfirma, für die Sie arbeiten? Carolyn Bui
hat es einmal erwähnt, aber ich habe es vergessen.«
»All Souls Legal Cooperative.«
»Merkwürdig.«
»Ja, der Name ist ein bißchen
merkwürdig für eine
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