Neville, Katherine - Der magische Zirkel
Backenknochen, gerade Nase, gefurchtes Kinn. Und plötzlich, im flackernden Licht des Feuers, kam er mir viel älter vor, als er mit seinen zwölf Jahren war. Plötzlich sah er selbst wie ein alter Totemgeist aus. Dann wandte er sich mir zu. Seine Augen waren klar und hell wie Diamanten, und er lächelte.
«Ariel, weißt du, warum ich dich immer ‹Hotshot› nenne?» fragte er, und als ich den Kopf schüttelte, sagte er: «Weil du mit deinen acht Jahren viel klüger bist, als ich damals war, als ich zum ersten Mal auf tiwa-titmas gegangen bin. Vielleicht bist du immer noch klüger als ich. Und das ist nicht alles. Ich glaube, du bist auch tapferer als ich. Als ich zum ersten Mal ohne einen Führer in diese Wälder kam, habe ich bereits jeden Stock und jeden Stein auf diesem Weg gekannt. Aber du bist heute einfach losgegangen und hast dich blind deinem Schicksal anvertraut. Mein Großvater nennt das, den notwendigen Glauben zu haben.»
«Ich bin ja dir nachgegangen», sagte ich. «Ich glaube, ich bin einfach nur dumm.»
Sam warf den Kopf in den Nacken und lachte. «Nein, nein. Du bist nicht dumm», sagte er. «Aber vielleicht,
nur vielleicht», fügte er mit seinem wundervollen Lächeln hinzu, «wird das, was heute passiert ist – daß du dich im Wald verlaufen und dich in Gefahr gebracht hast – , eine Art Talisman für mich sein, meine glückbringende Kaninchenpfote.» Er zog einmal kräftig an meinem Pferdeschwanz. «Vielleicht bringt es mir Glück, daß ich dich hier draußen gefunden habe.»
Und so war es dann auch. Auf diese Weise wurde Sam Grey Cloud, und unser Totemgeist segnete uns mit dem Licht. Wir mischten unser Blut, und ich wurde zum Teil Indianerin. Von dieser Nacht an war es, als wäre ein Knoten in mir aufgegangen; als würde ich von nun an auf einem geraden und klar erkennbaren Weg durchs Leben gehen – bis heute.
Der US-Regierung wird immer wieder die Verschwendung von Steuergeldern vorgeworfen, aber nie in Verbindung mit übermäßig komfortablen Arbeitsbedingungen für ihre Angestellten. Das gilt besonders für uns hier draußen in der Provinz, wo jeder Cent für Arbeitsplatzverbesserungen zehnmal umgedreht wird. Es wird mehr Geld für die Asphaltierung der 2,5 Hektar großen Parkflächen für Regierungsfahrzeuge rings um unser Werk verwendet als für den Bau, die Möblierung, Reparaturen, Reinigung oder Heizung der Gebäude, in denen Menschen arbeiten müssen.
Als ich kurz nach der Mittagspause auf den riesigen Parkplatz fuhr und nach einer Lücke Ausschau hielt, schienen die einzigen freien Plätze auf dem offiziellen Angestelltenparkplatz im westlichen Wyoming zu liegen. Um diese Jahreszeit konnte nach einem Tauwettereinbruch, wie wir ihn an diesem Morgen hatten, Wind aufkommen mit Temperaturen bis minus 20 Grad. Bereits jetzt prasselten Eisgraupel gegen meine Windschutzscheibe. Ich beschloß, eine Geldstrafe zu riskieren und meinen Wagen vor dem Hauptgebäude auf dem kleinen Besucherparkplatz abzustellen. Angestellte durften hier weder parken noch diesen Eingang zur Empfangshalle benutzen. Aber gewöhnlich konnte ich einen vom Aufsichtspersonal dazu überreden, mich ins Dienstbuch einzutragen, ohne daß ich außen um den riesigen Gebäudekomplex herumlaufen mußte, um ihn durch die offiziellen Eingangsschleusen für Angestellte an der Rückseite zu betreten.
Ich schob mich auf einen der freien Plätze, schlug den Kragen meines Schaffellmantels hoch, wickelte mir den langen Kaschmirschal um den Kopf und zog mir die wollene Skimütze über die Ohren. Dann sprang ich aus dem Wagen, schloß ab und rannte zu den Glastüren des Vordereingangs, die ich keinen Augenblick zu früh erreichte, denn der Windstoß, der hinter mir hereinfuhr, riß die Tür fast aus den Angeln. Ich mußte sie mit Gewalt zudrücken. Dann durchquerte ich den Windfang zur nächsten Tür und betrat die Empfangshalle.
Ich nahm meinen Schal ab und trocknete mir die vom Wind tränenden Augen, als ich ihn sah. Er stand am Empfangsschalter und trug sich aus. Ich erstarrte.
Ich meine, wie hätte ich die Zeile aus dem Lied vergessen können, das Jersey so oft in den Konzerten, zu Hause und auf Schallplatten gesungen hatte: «Du wirst einem Fremden begegnen…»
Und hier war er. Obwohl die Umgebung – die Empfangshalle des Technical-Science-Gebäudes – nicht ganz so idyllisch war wie die in dem Lied, wußte ich ohne den Schatten eines Zweifels, daß dieser Mensch allein für mich erschaffen worden war. Er war das
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