Niemand kennt mich so wie du
Die alte Dame sieht auf sie hinunter und sagt: ‹Kein Grund zur Eile, meine Liebe … er hat gesagt, er geht erst scheißen.›»
Clooney lachte, und Lily biss sich auf die Lippe, wie sie es immer tat, wenn sie zufrieden mit sich war. Redend und lachend verdrückte Lily eine ganze Portion Nudeln. Es war seit Tagen die erste Mahlzeit, in der sie nicht nur lustlos rumgestochert hatte. Sie bestaunte den leeren Teller.
«Möchtest du ein Dessert?», fragte er, und sie wollte gerade schon ja sagen, als ihr Telefon klingelte. Er registrierte die Furcht in ihren Augen und die Panik, die sich in ihrem Gesicht breitmachte, als sie die Nummer ihres Mannes im Display sah und bemerkte, dass in der vorhin noch so ruhigen Ecke inzwischen zahlreiche Gäste saßen. Einmal Klingeln – Lily identifizierte den Anrufer. Zweimal Klingeln – Lily realisierte, dass es im Restaurant zu laut war, um abzuheben. Dreimal Klingeln – sie stand mitten im Raum und sah sich um wie ein gehetztes Tier. Viermal Klingeln – Lily rannte zur Eingangstür. Fünfmal Klingeln – sie stand draußen auf dem Parkplatz und nahm ab.
«Hallo?» In dem Augenblick fuhr auf der Hauptstraße ein großer Lastwagen vorbei. O Gott! Warum habe ich ein Lokal an einer Hauptstraße ausgesucht? Wie blöd bin ich eigentlich?
«Wo zum Teufel steckst du?»
Ich stehe im Garten, und es ist gerade ein Laster vorbeigefahren? Nein! Nein! Dann ruft er zu Hause an, um das zu überprüfen, falls er es nicht sowieso schon getan hatte.
«Hörst du mich?»
Oh, Scheibenkleister mit Reis! Verdammte Hacke und verflixt und zugenäht! Denk nach, denk nach, denk nach … Okay, okay, okay! Mach’s auf die altmodische Art, Lily!
«Hallo?», sagte Lily überdeutlich.
«Ja! Hallo! Hörst du mich?», antwortete er.
«Declan?», fragte sie, als hätte sie Schwierigkeiten, ihn zu verstehen.
«Ich höre dich laut und deutlich. Wo bist du?» Er war eindeutig genervt. Im Hintergrund redete irgendjemand auf ihn ein. «Nur eine Sekunde, ja?», herrschte er denjenigen an, der es gewagt hatte, seine Spionagemission zu stören.
«Declan? Declan?», rief Lily. «Ach Gott, dann eben nicht!» Sie seufzte und legte auf. Dann schaltete sie das Telefon ab und atmete hörbar aus. Ihr zitterten die Hände. Mach dich nicht lächerlich, Lily, jetzt beruhige dich wieder. Du tust schließlich nichts Verbotenes. Du sitzt lediglich mit einem alten Freund beim Abendessen. Entspann dich!
Sie ging zurück ins Lokal und setzte sich. Sie war rot im Gesicht, und trotz ihrer kleinen Aufmunterungsrede zitterte sie immer noch leicht.
«Hat Declan immer diese Wirkung auf dich, oder liegt es daran, dass du mit mir hier bist?», fragte Clooney.
Lily schüttelte den Kopf. «Es war ein so netter Abend, Clooney.»
Er wusste, dass er nicht weiter in sie dringen sollte, also nickte er und tat, als ließe er das Thema fallen. Was zum Teufel geht da vor sich?
Nach einem Blick in die Speisekarte kamen sie beide zu dem Schluss, dass Kaffee die gesündere Alternative zum Dessert wäre. Lily war ein wenig schlecht, weil sie so viel gegessen hatte wie seit Tagen nicht und wohl auch wegen des völlig verunglückten Telefonats. Er wird durchdrehen. Clooney wusste, dass sie es kaum erwarten konnte zu gehen. Die unbekümmerte, entspannte Atmosphäre zwischen ihnen hatte sich in dem Moment aufgelöst, als Declans Name im Display erschienen war. Es war ihm auch nicht entgangen, dass sie ständig auf die Uhr sah, wenn sie Eve besuchte, und wie von der Tarantel gestochen in die Höhe fuhr, sobald jemand vom Krankenhaus das Zimmer betrat und eine Bemerkung über ihre Anwesenheit machte, vor allen Dingen dann, wenn im selben Atemzug der Name ihres Mannes fiel. Wie neulich, als Marion kam, um den Blutdruck zu messen.
«Hey, Lily, du schon wieder! Da wird sich Declan sicher freuen!»
«Wir haben beide viel zu viel zu tun, um hier rumzuturteln … außerdem bin ich schon wieder auf dem Sprung. Ich muss weiter.»
«Aber du bist doch gerade erst gekommen.»
«Die Arbeit, die Arbeit. Bis bald.»
Ein anderes Mal kam Abby ins Zimmer, um Eve ihre Heparinspritze zu geben, und entdeckte Lily am Bett.
«Lily, das ist ja super! Ich wollte mit Declan über den Ball von der Herzstiftung sprechen, aber ich weiß ja, dass du bei euch zu Hause den Terminplan führst. Sollen wir euch zwei Karten reservieren?»
«Sehr gerne.»
«Okay, toll! Ich sage es ihm, wenn ich ihn nachher sehe.»
«Oh, nein, nein, sehr nett, danke. Ich werfe noch
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