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Olympos

Titel: Olympos Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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ergründen und weitere Funkt i onen zu entdecken, obwohl er auch erwogen hatte, mit seinem Freund Daeman nach Paris-Krater zu gehen und ihm zu helfen, seine Mutter zu holen.
    Aber Noman – der ständig allein auf Jagdexpeditionen ging – hatte diesmal Wert auf Begleitung gelegt. Und die arme Ha n nah, die seit ihrer ersten Begegnung mit Noman-Odysseus an jenem Tag vor neun Monaten auf der Golden Gate Bridge bei Machu Picchu in ihn verliebt war, bestand darauf mitzukommen. D a raufhin schloss sich sofort auch Petyr an, der ursprünglich als Jünger von Odysseus nach Ardis Hall gekommen war – damals vor dem Absturz, als der alte Mann noch seine seltsame Philos o phie lehrte –, nun jedoch nur noch ein Jünger von Ha n nah, mit anderen Worten: rettungslos in sie verliebt war. Und schließlich hatte sich Harman bereit erklärt, sich ihnen anz u schließen, weil … er wusste nicht genau, weshalb er sich bereit erklärt hatte, sich ihnen anzuschließen. Vielleicht wollte er nicht, dass drei solch Unstern-bedrohte Liebende den ganzen Tag lang mit ihren Wa f fen allein im Wald waren.
    Später, als er im kalten Wald hinter den dreien herging und an diese Worte dachte, musste er lächeln. Er war erst am Vortag auf diesen Ausdruck gestoßen – »ein Liebespaar, Unstern b e droht« –, als er Shakespeares Romeo und Julia las – visuell las, nicht per Sigl-Funktion.
    Harman war derzeit geradezu besoffen von Shakespeare. Er ha t te an zwei Tagen drei Stücke gelesen. Es überraschte ihn, dass er laufen und sogar ein Gespräch führen konnte. Sein Kopf quoll über von unglaublichen Versrhythmen, einem Sturzbach neuer Wörter und mehr Einsicht in die Komplexität des menschlichen Wesens, als er je zu erlangen gehofft hatte. Er hätte am liebsten geweint.
    Wenn er weinte, das wusste er allerdings zu seiner nicht geri n gen Scham, dann nicht wegen der Schönheit und Kraft der Stücke – das ganze Konzept des Bühnendramas war ihm und seiner neo-analphabetischen Welt neu. Nein, er würde aus egoistischem Kummer darüber weinen, dass er so etwas wie Shakespeare erst knapp drei Monate vor dem Ende seiner fünfmal zwanzig Jahre kennen gelernt hatte. Obwohl er mitgeholfen hatte, die Orbitalkl i nik zu vernichten, und darum sicher war, dass keine Altmenschen mehr an ihrem Fünften Zwanziger – oder an irgendeinem and e ren Zwanziger, was das betraf – zum Ä-Ring hinaufgefaxt wu r den, hatte er immerhin neun u ndneunzig Jahre lang geglaubt, sein Leben auf Erden würde an seinem hundertsten Geburtstag Schlag Mitternacht enden – e i ne Denkweise, der schwer zu entkommen war.
    Als die Abenddämmerung hereinbrach, waren die vier nach e i nem erfolglosen Tag bereits auf dem Rückweg. Sie gingen lan g sam am Rand eines Steilhangs entlang. Der schwerfällige Ochse, den sie als Zugtier für den Karren mitgenommen hatten, b e stimmte das Tempo. Vor dem Absturz waren die Transpor t mittel von internen Gyroskopen auf einem einzigen Rad im Gleichg e wicht gehalten und von Voynixen gezogen worden, aber da die verdammten Dinger ohne innere Energieversorgung das Gleic h gewicht nicht mehr halten konnten, hatte man die Maschinen-Eingeweide und die beweglichen Teile jedes Vehikels herausg e rissen, die Deichselgabel weiter gespreizt und ein Ochsenjoch ei n gesetzt und das einzelne, schmale Rad in der Mitte gegen zwei breitere Räder an einer neu geschmi e deten Achse ausgetauscht. Harman fand die behelfsmäßig zusammengeschusterten Drosc h ken und Karriolen erbärmlich primitiv, aber sie stellten die ersten von Menschen gebauten Radfahrzeuge seit über fünfzehnhundert Jahren der Nichtg e schichte dar.
    Auch dieser Gedanke trieb ihm die Tränen in die Augen.
    Sie waren ungefähr sechs Kilometer nach Norden gegangen, meist an den niedrigen Klippen über einem Nebenfluss des Str o mes entlang, der, wie Harman mittlerweile wusste, einst Ekei und noch früher Ohio geheißen hatte. Sie brauchten den Karren, um ihre Jagdbeute zu transportieren – obwohl Noman berühmt dafür war, dass er mit einem toten Hirsch oder Reh über den Schultern kilometerweit lief –, und kamen darum nur langsam voran, im gemächlichen Tempo eines Ochsen eben.
    Manchmal blieben zwei von ihnen bei dem Karren, während die anderen beiden mit dem Bogen oder der Armbrust in den Wald gingen. Petyr hatte ein Flechette-Gewehr dabei – eine der wenigen Feuerwaffen in Ardis Hall –, aber sie jagten lieber mit weniger geräuschvollen Waffen. Voynixe hatten zwar keine Ohren im e

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