Olympos
könnten den a n deren – nicht nur in Ardis, sondern in all den überlebenden Fa x knoten-Gemeinschaften – die Vorteile einer Familie mit anwese n dem Vater vor Augen führen.
All das machte Harman Angst. Auch wenn er sicher war, dass er Recht hatte – es machte ihm trotzdem Angst. Zunächst war da die Ungewissheit, ob Mutter und Kind eine Geburt außerhalb der Klinik überstehen würden. Kein einziger lebender Altmensch ha t te die Geburt eines menschlichen Babys mit angesehen – zum G e bären wie auch zum Sterben wurde man in den Ä-Ring hinaufg e faxt, und beides erlebte man dort für sich allein. Und wie der He i lungsprozess bei den Menschen, die ernsthafte Verletzungen erli t ten oder einen vorzeitigen Tod gefunden hatten wie der von e i nem Allosaurier gefressene D a eman, war auch die Klinikgeburt etwas so Traumatisches, dass sie keinen Eingang ins Gedächtnis finden durfte. Die Frauen besaßen ebenso wenige Erinnerungen an die Klinikgeburt wie ihre Babys.
Zu einem bestimmten, von den Servitoren bekannt gegebenen Zeitpunkt in ihrer Schwangerschaft wurden die Frauen wegg e faxt und kamen zwei Tage später gesund und schlank wieder zurück. Noch viele Monate danach wurden die Babys au s schließlich von den Servitoren ernährt und umsorgt. Die Mütter neigten dazu, mit ihren Kindern Kontakt zu halten, hatten aber wenig mit ihrer Aufzucht zu tun. Die Väter hingegen hatten ihre Kinder vor dem Absturz nicht gekannt – und nicht nur das, sie hatten gar nicht erst gewusst, dass sie Väter geworden w a ren, denn ihr sexueller Kontakt mit der betreffenden Frau kon n te schon Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen.
Nun lasen Harman und die anderen Bücher über den uralten Brauch der Kindgeburt. Der Vorgang erschien ihnen unglau b lich gefährlich und barbarisch, selbst wenn er in Krankenhä u sern – offenbar primitiven früheren Versionen der Klinik – stattfand und von Profis beaufsichtigt wurde.
Der einzige Mensch auf dem Planeten, der tatsächlich gesehen hatte, wie ein Baby zur Welt kam, war Noman. Der Grieche ha t te einmal zugegeben, dass er in seinem früheren Leben, in jener u n wirklichen, blutigen, kriegerischen Zeit, in der das Turiner Abe n teuer spielte, zumindest einen Teil des Geburtsvorgangs miterlebt hatte, nämlich bei seinem eigenen Sohn, Telemachos. Er war die Hebamme von Ardis.
Und in dieser neuen Welt, in der es keine Ärzte gab – niema n den, der wusste, wie man die simpelste Verletzung, das einfachste Gesundheitsproblem kurierte –, war Odysseus-Noman ein Mei s ter der Heilkunst. Er kannte Breiumschläge. Er wusste, wie man Wunden nähte. Er wusste, wie man gebroch e ne Knochen richtete. Nachdem es ihm gelungen war, jemandem namens Circe zu en t kommen, hatte er im Verlauf seiner fast ein Jahrzehnt währenden Reisen durch Zeit und Raum moderne medizinische Techniken erlernt, zum Beispiel dass man sich die Hände wusch und sein Messer reinigte, bevor man in einen lebenden Körper hinei n schnitt.
Neun Monate zuvor hatte Odysseus davon gesprochen, dass er nur ein paar Wochen in Ardis Hall bleiben und dann weite r ziehen wolle. Wenn der alte Mann nun auch nur den Versuch unternä h me, sie zu verlassen, dann, so vermutete Harman, würden ihn fünfzig Leute anspringen und fesseln, um ihn se i ner Kenntnisse wegen hier zu behalten – er wusste, wie man Waffen herstellte, jagte und Wild ausnahm, wie man Speisen über offenem Feuer zubereitete, Metall schmiedete, Kleidung s stücke nähte, das Sonie für den Flug programmierte, Krankheiten heilte und Wunden b e handelte – und er konnte bei der G e burt eines Babys helfen.
Sie sahen jetzt die Wiese jenseits des Waldes. Die Ringe wu r den von Wolken verschluckt, und es wurde sehr dunkel.
»Ich wollte heute mit Daeman sprechen … «, begann Noman.
Es war das Letzte, was er noch zu sagen vermochte.
Die Voynixe sanken wie riesige, lautlose Spinnen aus den Bä u men herab. Es waren mindestens ein Dutzend. Sie hatten alle ihre Tötungsklingen ausgefahren.
Zwei landeten auf dem Rücken des Ochsen und schnitten ihm die Kehle durch. Zwei landeten nah bei Hannah und hieben nach ihr; Blut spritzte, Stofffetzen flogen herum. Sie sprang z u rück und versuchte, die Armbrust zu heben und die Sehne zu spannen, aber die Voynixe schlugen sie nieder und beugten sich über sie, um ihr den Garaus zu machen.
Odysseus stieß einen Schrei aus, aktivierte sein Schwert – ein Geschenk von Circe, wie er ihnen vor langer Zeit erzählt hatte –,
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