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Olympos

Titel: Olympos Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Dan Simmons
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gelassen. Nur ihre wilden, weißen Augen im Lichtschein der Laterne straften diese Gelassenheit Lügen. »Ich fühle keinen Herzschlag.«
    »Legt ihn in den Karren … «, begann Harman. Er spürte jene dem Adrenalinstoß folgende Wackeligkeit und Übelkeit, die er schon einmal erlebt hatte. Sein schlimmes Bein und der ze r schnittene Rücken bluteten stark.
    »Scheiß auf den Karren«, sagte Petyr. Der junge Mann drehte das Heft des Circe-Schwerts. Die Vibration hörte auf, und die Klinge wurde wieder sichtbar. Er reichte Harman das Schwert, das Flechette-Gewehr und zwei zusätzliche Magazine. Dann beugte er sich tief hinunter, legte sich den bewusstlosen oder toten Odysseus über die Schulter und stand auf. »Hannah, geh mit der Laterne voran. Lade deine Armbrust nach. Harman, du bildest mit dem Gewehr die Nachhut. Schießt auf alles, was auch nur so aussieht, als könnte es sich bewegen.« Er taumelte mit der blute n den Gestalt über der Schulter in Richtung der letzten Wiese d a von. Ironischerweise – schrecklicherweise – sah er ganz ähnlich aus wie Odysseus, wenn dieser den Kadaver eines Hirsches oder Rehs heimgeschleppt hatte.
    Harman nickte stumm, warf den Speer weg und steckte sich das Circe-Schwert in den Gürtel. Dann hob er das Flechette-Gewehr hoch und folgte den anderen beiden Überlebenden aus dem Wald.
     

24
    Kaum war Daeman nach Paris-Krater gefaxt, wünschte er auch schon, er wäre bei Tag angekommen. Oder hätte zumindest g e wartet, bis Harman oder jemand anders mitkommen konnte.
    Gegen fünf Uhr nachmittags, als er den von einer Palisade u m schlossenen Faxpavillon in knapp zwei Kilometer Entfe r nung von Ardis Hall erreichte, hatte es bereits dunkel zu we r den begonnen, und jetzt war es ein Uhr morgens und stockfin s ter, und es regnete Bindfäden hier in Paris-Krater. Er war zu dem Knoten gefaxt, der dem Domi seiner Mutter am nächsten lag – einem Faxpavillon namens Invalidenhotel; kein lebender Mensch wusste, warum er so hieß –, und als er durchs Faxpo r tal kam, hielt er die Armbrust im Anschlag und schwenkte sie von einer Seite zur anderen. Vom Dach des Pavillons rann so viel Wasser, dass er das Gefühl hatte, durch einen Vorhang oder Wasserfall in die Stadt hinauszubl i cken.
    Es war irritierend. Die Überlebenden in Paris-Krater bewac h ten ihre Faxknoten nicht. Ungefähr ein Drittel der Überlebe n den-Gemeinschaften hatte, Ardis ’ Beispiel folgend, eine Mauer um ihre Faxpavillons gezogen und dort Tag und Nacht eine Wache postiert, aber die verbliebenen Einwohner von Paris-Krater we i gerten sich einfach, das zu tun. Niemand wusste, ob Voynixe sich von einem Ort zum anderen faxten – es schien überall genug von ihnen zu geben, auch ohne dass sie das tun mussten –, aber die Menschen würden es nie erfahren, wenn Orte wie Paris-Krater es ablehnten, ihre Knoten zu überwachen.
    Natürlich hatte diese Bewachung in Ardis anfangs nicht d a rauf abgezielt, die Voynixe am Faxen zu hindern, sondern die Zahl der Flüchtlinge zu begrenzen, die nach der Katastrophe herbeiströ m ten. Als die Servitoren abstürzten und der Strom ausfiel, bestand die erste Reaktion darin, irgendwohin zu fliehen, wo man in S i cherheit war und etwas zu essen bekam. De s halb waren in jenen ersten Wochen und Monaten viele Zeh n tausende nahezu wahllos in der Welt herumgefaxt, hatten bi n nen zwölf Stunden fünfzig Orten auf dem ganzen Planeten eine Stippvisite abgestattet, die Nahrungsmittelvorräte geplündert und waren dann wieder ve r schwunden. Nur an wenigen Orten hatte es damals eigene Na h rungsmittelbestände gegeben, und nirgendwo war man wirklich in Sicherheit gewesen. Ardis hatte sich als eine der ersten Kol o nien von Überlebenden bewaffnet und als Erste vor Angst halb wahnsinnige Flüchtlinge abgewiesen, sofern sie keine unentbeh r lichen Fähigkeiten besaßen. Aber nach über vierzehnhundert Ja h ren der »ekelhaften Eloi -Nutzlosigkeit«, wie Savi es genannt hatte, besaß so gut wie niemand mehr wichtige Fähigkeiten.
    Einen Monat nach dem Absturz und jenem anfänglichen Durc h einander hatte Harman bei den Sitzungen des Rats von Ardis d a rauf bestanden, dass sie zum Ausgleich für ihren Egoismus Ve r treter zu all den anderen Gemeinschaften faxten, die ihnen Ra t schläge zum Anbau von Feldfrüchten und Tipps zur Verbess e rung der Sicherheit gaben, ihnen zeigten, wie man die eigenen Fleischtiere schlachtete, und – nachdem Harman die Sigl-Funktion entdeckt hatte, mit deren Hilfe

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