Olympos
Blitzschlag.
Daeman ließ die schwere Armbrust sinken, sicherte sie und trat näher an die Pyramide heran. Überall in dem Raum war Blut, a u ßer auf dem makellos sauberen Tisch. Vor der Pyramide grinse n der Totenschädel mit klaffenden Mündern lag ein altes, ausgebre i tetes Turin-Tuch, dessen aufgestickte Schaltkreise auf den ober s ten Schädel ausgerichtet waren.
Daeman stieg auf den Stuhl, auf dem er am Tisch seiner Mu t ter immer gesessen hatte, und dann auf den Tisch selbst, sodass sein Gesicht auf gleiche Höhe mit dem obersten dieser hundert Sch ä del war. In den weißen Blitzen des abziehenden Gewitters sah er, dass all die anderen Schädel sauber abgenagt waren, strahlend weiß, ohne fleischliche Überreste der Opfer. Dieser oberste Sch ä del hingegen war nicht so sauber. Mehrere Strä h nen lockiger roter Haare waren wie ein Haarknoten auf dem Kamm des Schädels übrig gelassen worden – oh, so absichtlich übrig gelassen worden –, und weitere zierten den Hinterkopf.
Daeman hatte rötliches Haar. Seine Mutter hatte rotes Haar.
Er sprang vom Tisch, riss die Türen zur Terrasse auf, taumelte hinaus und erbrach sich übers Geländer in das einzelne rote Auge des Kratermagmas kilometertief unter ihm. Er übergab sich e r neut, dann noch einmal und noch viele weitere Male, obwohl er nichts mehr im Magen hatte, was er erbrechen kon n te. Schließlich drehte er sich um, ließ die schwere Armbrust auf den Terrasse n boden fallen, säuberte Gesicht und Mund mit Wasser aus dem Kupferbecken, das seine Mutter an Zierketten als Vogelbad au f gehängt hatte, sank dann, ans Bambus-Drei-Geländer gelehnt, zu Boden und starrte durch die offene Schi e betür in den Speiseraum.
Die Blitze wurden schwächer und seltener, doch als Daemans Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, erleuchtete der glu t rote Lichtschein aus dem Krater die gekrümmten Rückseiten zahlloser Schädel. Er konnte die roten Haare sehen.
Vor neun Monaten hätte Daeman geweint wie das siebenun d dreißigjährige Kind, das er gewesen war. Jetzt versuchte er, trotz des Brode l ns in seinem Magen und des schwarzen G e fühls, das sich in seiner Brust zu einer Faust ballte, kühl nac h zudenken.
Für ihn stand außer Frage, wer oder was dies getan hatte. Vo y nixe fraßen nicht, und sie schleppten auch nicht die Leichen ihrer Opfer fort. Dies war keine willkürliche Voynix-Gewalttat. Es war eine Botschaft an Daeman, und es gab nur ein Geschöpf in der ganzen dunklen Schöpfung, das ihm eine solche Botschaft sch i cken konnte. Die Menschen in diesem Domi-Turm waren allesamt gestorben und wie Fische filetiert worden, die Schädel aufeina n der gestapelt wie weiße Kokosnüsse, damit die Botschaft ihren Adressaten erreichte. Und nach dem frischen Blutgestank zu u r teilen, war es erst vor wenigen Stunden geschehen, vielleicht s o gar vor noch kürzerer Zeit.
Daeman ließ seine Armbrust zunächst liegen, wo sie hingefa l len war, rappelte sich erst auf Hände und Knie und schließlich ganz auf – nur weil er sich die Hände nicht noch mehr mit dem Blu t matsch auf dem Terrassenboden beschmieren wollte –, dann ging er in den Speiseraum zurück, umrundete den langen Tisch und stieg ein letztes Mal hinauf, um den Schädel seiner Mutter heru n terzuholen. Seine Hände zitterten. Ihm war nicht nach Weinen zumute.
Die Menschen hatten gerade erst gelernt, wie man seine Mi t menschen bestattete. Sieben Personen waren in den vergang e nen acht Monaten in Ardis gestorben, sechs infolge von Voynix-Attacken, die siebte – eine junge Frau – an einer mysteriösen Krankheit, die sie in einer Fiebernacht dahinraffte. Daeman ha t te nicht gewusst, dass Altmenschen krank werden konnten.
Soll ich sie mitnehmen? Und eine Trauerfeier an der Mauer abha l ten, wo wir auf Nomans und Harmans Anweisung hin den Friedhof für u n sere Toten angelegt haben?
Nein. Marina hatte ihre Domis hier in Paris-Krater immer mehr geliebt als jeden anderen Ort auf der per Fax zugängl i chen Welt.
Aber ich kann sie nicht hier bei diesen anderen Schädeln lassen, dachte Daeman und spürte, wie ihn eine Welle unbeschreibl i cher Gefühle nach der anderen überrollte. Einer davon gehört Goman, diesem Mistkerl.
Er trug den Schädel auf die Terrasse hinaus. Der Regen war stärker geworden, der Wind hatte nachgelassen, und Daeman blieb eine lange Minute am Geländer stehen, wo ihm die Rege n tropfen ins Gesicht klatschten und den Schädel weiter re i nigten. Dann warf er ihn
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