Olympos
zu.
Hannah drehte sich zu Petyr um. »Ich habe ihn ein paarmal leise vor sich hinmurmeln hören, während du ihn getragen hast, kon n te aber nicht verstehen, was er gesagt hat. War es irgendwas Sin n volles?«
»Eigentlich nicht. Ich habe auch kaum etwas verstanden. Ich glaube, es war in der Sprache des anderen Odysseus, die sie in dem Turin-Drama sprechen … «
»Griechisch«, sagte Harman.
»Was auch immer«, erwiderte Petyr. »Die zwei Wörter, die ich verstanden habe, waren unwichtig.«
»Welche denn?«, fragte Hannah.
»Ich bin sicher, dass er etwas gesagt hat, das mit › geht ‹ au f hörte. Und dann › Gerippe ‹ … glaube ich. Er hat leise gesprochen, ich h a be laut gekeucht, und die Wächter auf der Mauer haben gerufen, als wir uns dem Nordtor der Palisade nähe r ten.«
»Das ergibt nicht viel Sinn«, meinte Hannah.
»Er hatte Schmerzen und war kurz davor, ins Koma zu fa l len«, sagte Petyr.
»Kann sein«, sagte Harman. Er verließ die Krankenstube – i m mer noch mit Ada am Arm – und begann, durch das He r renhaus zu marschieren.
Ungefähr fünfzig der vierhundert Bewohner von Ardis saßen im großen Speisesaal beim Essen.
»Du solltest etwas essen«, sagte Harman und strich Ada über den Bauch.
»Hast du Hunger?«
»Noch nicht.« In Wahrheit schmerzte sein schlimmes Bein so stark von den neuen Schnittwunden, dass ihm ein wenig übel war. Vielleicht lag es auch am Bild des blutenden, im Sterben li e genden Noman, das er vor seinem geistigen Auge sah.
»Hannah wird schrecklich traurig sein«, flüsterte Ada.
Harman nickte geistesabwesend. Etwas nagte an seinem Unte r bewusstsein, und er versuchte, ihm freie Bahn zu lassen.
Sie gingen durch den ehemaligen großen Ballsaal, wo noch i m mer Dutzende von Leuten an langen Tischen arbeiteten. Sie befe s tigten Pfeilspitzen aus Bronze an hölzernen Schäften und fügten dann die vorbereiteten Federn hinzu, fertigten Speere an oder schnitzten Bogen. Viele blickten auf und nickten, als Ada und Harman vorbeigingen. Harman führte Ada hinten hinaus in den überhitzten Schmiedeanbau, wo drei Männer und zwei Frauen Schwert- und Messerklingen aus Bronze hämmerten, sie mit Schneiden versahen und diese an langen Wetzsteinen schärften. Harman wusste, dass es hier morgen Vormittag une r träglich heiß sein würde, wenn sie das geschmolzene Metall vom nächsten Guss hereinbrachten, um es mit Gussformen und Hämmern zu modellieren. Er blieb stehen und strich über eine Schwertklinge mit Heft, die bis auf den letzten Lederwickel um den Griff fertig war.
So primitiv, dachte er. So unsagbar primitiv, verglichen mit dem Können und der Kunstfertigkeit, die sich nicht nur in Nomans Circe-Schwert – wo immer es hergekommen sein mag –, sondern auch in den Waffen des alten Turin-Dramas spiegeln. Und wie traurig, dass die er s ten technischen Produkte, die wir Altmenschen nach über zwe i tausend Jahren mühevoll gießen und in Form bringen, diese groben Waffen sind, deren Zeit nun schließlich wiedergekommen ist.
Reman platzte auf dem Weg zum Haupthaus in den Schmied e anbau herein.
»Was ist los?«, fragte Ada.
»Voynixe«, sagte Reman, der nach Erledigung seiner Pflichten in der Küche nach draußen gegangen war, um einen Wac h dienst zu übernehmen. Er war nass vom Regen, der seit Einbruch der Du n kelheit gefallen war, und sein Bart war vereist. »Viele Voynixe. Mehr als ich jemals auf einem Haufen gesehen habe.«
»Sind sie schon aus dem Wald gekommen?«, fragte Harman.
»Sie sammeln sich unter den Bäumen. Aber es sind unglau b lich viele.«
Auf den Brustwehren überall an der Palisade draußen läut e ten die Alarmglocken. Die Signalhörner würden ertönen, falls die V o ynixe tatsächlich ihren Angriff starteten.
Der Speisesaal leerte sich, als Männer und Frauen sich ihre Mä n tel und Waffen schnappten und in aller Eile ihre Kampfp o sitionen auf den Mauern und im Garten sowie an den Fenstern, Türen und Giebeln, auf den Veran den und Bal konen im und am Haus selbst bezogen.
Harman rührte sich nicht. Die laufenden Gestalten strömten wie ein Fluss um ihn herum.
»Harman?«, sagte Ada leise.
Er wandte sich gegen den Strom und führte sie in die Kranke n stube mit dem sterbenden Noman zurück. Hannah hatte ihren Mantel angezogen und eine Lanze gefunden, schien jedoch auße r stande zu sein, von Harmans Seite zu weichen. Petyr war schon halb zur Tür hinaus, kam jedoch zurück, als Harman und Ada hineingingen und an Nomans
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